Berlin : Diskussion mit Andreas Nachama, um das Unbegreifliche begreifbar zu machen

Alexander Pajevic

Ab welchem Alter lässt sich der Holocaust begreifen? Ab welchem Alter können Kinder und Jugendliche verstehen, dass vor etwas mehr als 50 Jahren, als ihre Eltern oder Großeltern noch jung waren in Deutschland unvorstellbare Dinge vor sich gingen? Die Siebtklässler aus der Dritten Hauptschule Reinickendorf jedenfalls, die sich am Dienstag in den Räumen des Polnischen Kulturinstituts die Ausstellung "Anne Frank - eine Geschichte für heute" angeschaut haben, waren zwischen zwölf und dreizehn Jahren alt; "frisch aus der Grundschule", beschreibt ihre Lehrerin die Kinder. Und dennoch stand für die Schüler das Tagebuch des von Nazis ermordeten jüdischen Mädchens schon auf dem Lehrplan.

Die Wanderausstellung über Anne Frank ist sehr erfolgreich in Berlin gelaufen. Wenn sie - nach einmonatiger Verlängerung - Ende dieses Monats abgebaut wird, werden sie allein 320 Schulklassen gesehen haben. Freiwillige Helfer begleiten die Gruppen erläuternd durch die Schautafeln mit Foto- und anderen Dokumenten, so wie die 21 Jahre alte Lehramtsstudentin Almuth, die sich der Reinickendorfer annahm. Es war eine besondere Führung, die die Kinder bekamen, denn Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hatte sich ihnen angeschlossen, um mit den Kindern zu diskutieren.

"Da ist ja Peter", ruft ein Junge, als sich die Gruppe vor einer Schautafeln sammelt; auch Anne und ihre Schwester Margot werden auf den Fotos sofort identifiziert. Offensichtlich haben alle das Buch gelesen. Dass Otto Frank eine Fabrik hatte, wissen sie - und dass er als einziger seiner achtköpfigen Familie überlebt hat. Aber verstehen sie wirklich, was das bedeutet? Am Vorabend lief "Schindlers Liste" im Fernsehen. Ein Jungen erzählt, dass er den Film nicht zu Ende geschaut hat.

"Weil es so furchtbar war?", fragt Almuth. "Nö, ich hatte keine Lust mehr." Almuth spricht über das Hinterhaus, in dem sich die Familie Frank verbarg. "Die haben sich vor Hitler versteckt, weil sie nicht ins KZ wollten", sagt ein Junge und was ein Konzentrationslager ist, wissen die Grundschüler auch. Da wurden Juden in die Gaskammer gesperrt.

Wie sollen sie sich das auch vorstellen können, wenn sie nicht einmal genau wissen, was ein Jude ist? Ein Kind meint, dass Juden an Allah glauben. Ein anderes weiß, dass Juden dunkle Haare haben und krumme Nasen. Der Junge hat selbst schwarze Haare. Nachama hört den Kindern schweigend, gelegentlich schmunzelnd zu. Als die Kinder hören, dass die Juden aus Palästina kommen, ruft ein Junge: "Dann sind das ja Palästinenser." Da muss Nachama sogar richtig lachen. Aber er zeigt sich ganz zufrieden mit dem, was er da so gehört hat. "Ich bin angenehm überrascht", sagt Nachama und bezeichnet die Diskussion als ein "munteres Gespräch".

Anschließend finden sich alle im Konferenzraum zusammen; dank intensivem Fernsehkonsum weiß ein Jungen sofort, wie man sich zu verhalten hat, wenn man an einem großen ovalen Tisch sitzt. "Fakten, Fakten, Fakten" ruft er in die Runde. Tatsächlich wollen die Schüler vom Gemeinde-Vorsitzenden Nachama in erster Linie greifbare Informationen.

Wie viele Juden denn heute in Deutschland leben, fragen sie den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, und ob es denn noch Nazis in Berlin gebe. Erst als Nachama ihnen erzählt, dass auch seine Mutter in Grunewald nahezu zwei Jahre versteckt gelebt hat - "Krass", entfährt es einem Jungen - scheint für einen kurzen Augenblick die Vergangenheit greifbar.

Die Schüler sind bemüht, sich das Unverständliche irgendwie begreifbar zu machen und ihre Fragen reißen nicht ab. Schließlich dekonstruiert ein Junge sogar mit einer Frage das ganze nationalsozialistische System: Wenn die Nazis so viel gegen Ausländer gehabt haben, wieso haben sie dann Hitler nicht ins KZ gesteckt, der kam doch aus der Schweiz?

Die Schautafeln mit den Bildern von Leichenbergen, von Viehwaggons mit Stacheldraht haben den Schülern nicht die gute Laune verdorben. Auch besonderes Interesse für das Thema ist nicht festzustellen. Im Leben der Kinder dürfte der Holocaust etwa so gegenwärtig sein wie der Krieg der Sterne - und den sollten sie vielleicht in ihrem Alter auch noch gar nicht kennen. Mahnmaldebatte, Wehrmachtsausstellung oder gar Martin Walser - was wird das zukünftige Deutschland, das sich zumindestens in der Reinickendorfer Klasse als multikulturell darstellt, einmal die Köpfe schütteln über die Probleme vorangegangener Generationen!

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