Diskussion über Tourismus-Folgen : Angst vor Verdrängung im Wrangelkiez

22.03.2011 06:37 UhrVon Johannes Schneider

Im Kreuzberger Wrangelkiez haben Anwohner am Montagabend wieder über die Folgen des Tourismus diskutiert. Viele Menschen fürchten, sich das Leben dort nicht mehr leisten zu können.

Es ist viel von früher die Rede an diesem Abend im Lido an der Ecke von Cuvry- und Schlesischer Straße, mitten im Wrangelkiez. Früher, als die Gehsteige der benachbarten Falckensteinstraße noch nicht voller Bierbänke standen, als hier noch keine Horden mit Bollerwagen voller Alkohol durchzogen, als die Mieten noch bezahlbar und die Parkplätze noch nicht von den Besuchern der O2-World am gegenüberliegenden Spreeufer zugeparkt waren. Kurz: früher, als an der Oberbaumbrücke „nicht nur Kreuzberg endete“, wie es Werner Oehlert, der Moderator der von Quartiersmanagement und Bezirksamt einberufenen Diskussionsrunde, zu Beginn ausdrückt.

Damals in den 80ern habe er noch mit Freunden auf der Schlesischen Straße Fußball gespielt, erinnert sich Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) – unter dem versonnenen Nicken vieler Anrainer im prall gefüllten Lido.

Nur einer erinnert an ganz früher, an eine Zeit, die hier kaum jemand noch miterlebt haben dürfte: Nach dem Krieg, sagt Wirtschaftsstadtrat Peter Beckers (SPD), war der Kiez schon mal Ausgehmeile, mit Kneipen und Kinos Anziehungspunkt für die Jugend aus Ost und West. Beckers erinnert zudem an die bitteren Zeiten, vor und nach der Wende, als das Gebiet zu verfallen drohte: „Wir wollen Entwicklung“, sagt Beckers zum Unmut der Zuhörer, um sofort zu ergänzen: „Natürlich darf das nicht zu Lasten der Alteingesessenen gehen.“

Dass diese mittlerweile ernsthafte Probleme mit dem eigenen Kiez haben, davon zeugen abermals, wie bereits bei der „Hilfe, die Touris kommen“-Runde der Grünen zu Monatsanfag, die gut gefüllten Zuschauerreihen. Und eines wird schnell klar, als die Diskussion, an der neben Schulz und Beckers (SPD) noch Heba Chourki als Anwohnervertreterin, Kerstin Jahnke vom Quartiersmanagement und Lutz Leichsenring als Vertreter der Berliner Clubbetreiber geladen sind, nach einer halben Stunde geöffnet wird: Es sind ganz unterschiedliche Probleme. Nur für die wenigsten stehen die Touristen und der Partylärm der Clubs im Mittelpunkt – Clubbetreiber Leichsenring wird dennoch beim Versuch, das Problem von Anwohnern mit der Kneipenschwemme allein auf intolerante Neuzugezogene zu beziehen, von sichtbar alteingesessenen Anwesenden zur Schnecke gemacht.

Das wirklich Existentielle für die Anwohner des Kiezes sind auch am heutigen Abend die steigenden Mieten. Es sind Schicksale wie das des Musikers Oliver Hofmann, die lautstarken Beifall und wissendes Gemurmel hervorrufen: Am Zuschauermikrophon berichtet Hofmann davon, wie nach einem Besitzerwechsel die Miete seiner unsanierten 50-Quadratmeter-Altbauwohnung mit Ofenheizung in der Wrangelstraße um 200 Euro auf 560 Euro in die Höhe ging. Es sind Geschichten von Mietspekulation und Wucher, von Pauschalkäufen und Verdrängung, vom Verschwinden der Türken aus dem Kiez und von Selbstmordversuchen aufgrund von gestrichenen Heizkostenzuschüssen. „Wie wollen Sie Leuten helfen, die sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können?“ – die Frage einer Anwohnerin bekommt an diesem Abend den meisten Beifall.

Schnell wird deutlich, dass Schulz und Beckers für diese Frage nicht die richtigen Adressaten sind: Beide unterstützen die Wiedereinführung der Zweckentfremdungsverbotsverordnung, beide wollen, dass über eine bewusste Preispolitik der städtischen Wohnungsbaugesellschaften gegen die Mietpreisspirale angegangen wird. Und beide geizen nicht mit Kritik an Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), deren Sichtweise, in Berlin herrsche kein Wohnungsmangel, Schulz als „absurd“ bezeichnet. Zunehmend wird deutlich, dass sich hier eine Koalition der Hilflosen versammelt hat: hilflos im Kampf gegen Mietspekulation wie gegen das Übermaß Tourismus.

Wie hilflos auch der Runde Tisch sein könnte, für dessen Teilnahme man sich auf Listen eintragen kann, wird deutlich, als eine Anwohnerin angesichts der Misere ruft: „Sollen wir jetzt alle nach Marzahn ziehen?“ Da schweigen Schulz und Beckers.

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