Dissidenten-Funk : Opposition auf Sendung

Heute vor 20 Jahren startete „Radio Glasnost“: Dissidenten versorgten die DDR-Bürger mit Nachrichten aus ihrem Land – von West-Berlin aus.

Rita Nikolow

Die Worte hatten Sprengkraft. „Das Manuskript kommt von jenseits der Mauer.“ So begrüßte die Moderatorin Ilona Marenbach die Hörer am 22. Juli 1987 zur ersten Ausgabe von „Radio Glasnost – außer Kontrolle“. Eine Sendung, die mithilfe von Dissidenten aus der DDR berichtete, war eine Sensation. Und eine Provokation.

27 Mal wurde Radio Glasnost nach der Pilotsendung ausgestrahlt, immer am letzten Montag im Monat, von 21 bis 22 Uhr. „Wenn sich der Monat neigt, wird’s kritisch für Ost-Berlin“, schrieb die „Welt“. Der kleinen, aber steigenden Zahl an DDR-Oppositionsgruppen, die sich für Menschenrechte, Frieden und Umweltschutz einsetzten, gab Radio Glasnost ein Forum und eine eigene Stimme. Von West-Berlin aus, denn die Sendung gehörte zum Programm des jungen linksalternativen Kanals Radio 100, der selbst erst im März 1987 den Sendebetrieb aufgenommen hatte und in einem Radius von hundert Kilometern um Berlin herum zu empfangen war – bis in die Randgebiete von Brandenburg. Gehört wurde Radio Glasnost aber auch in Leipzig oder Dresden: In den Landesteilen außerhalb des Sendegebiets machten Kassettenmitschnitte die Runde.

Viele DDR-Bürger nahmen das Angebot von Radio Glasnost wahr. Sie produzierten Manuskripte, Tonbandaufnahmen und Interviews, die unter Beteiligung von Journalisten, Diplomaten und Bundestagsabgeordneten nach West-Berlin geschmuggelt und dort ausgestrahlt wurden. Und zwar ohne Bearbeitung der Redaktion. Die zweite Ausgabe von Radio Glasnost berichtete über den „Kirchentag von unten“, eine Veranstaltung, bei der sich Ende Juni 1987 etwa 6000 Menschen in den Gemeinderäumen der Friedrichshainer Friedenskirche versammelt und diskutiert hatten: über Atomkraft und das Strafrecht der DDR. „Es gibt ja auch Leute, die wissen nichts über diesen Kirchentag, und die sollen ruhig was erfahren“, brachte es eine Teilnehmerin auf den Punkt.

Radio Glasnost machte die DDR-Opposition, ihre Standpunkte und Veranstaltungen bekannt, im Osten wie im Westen. Das erleichterte auch die Vernetzung innerhalb der DDR. Zu den Oppositionellen, die auf Radio 100 aus der DDR berichteten, gehörten Bärbel Bohley, Freya Klier und der Liedermacher Stefan Krawczyk. Krawczyk hatte auch schon am Vorläufer von Radio Glasnost mitgearbeitet: dem Schwarzen Kanal, einem Piratensender, den Westberliner Autonome 1986 vom Dachboden eines mauernahen Hauses in Kreuzberg ausgestrahlt hatten. Ost-Berliner Oppositionelle um Stefan Krawczyk schrieben das Konzept und kamen so erstmals unverfälscht zu Wort. Auf Sendung ging der Schwarze Kanal allerdings nur dreimal, auch wegen des strafrechtlichen Risikos.

Radio Glasnost stieß in den linken Kreisen Westberlins nicht nur auf Zustimmung: „Ein Teil der Linken hat die DDR positiv verklärt. Diesem DDR-Bild hat unsere Sendung widersprochen“, erinnert sich Ilona Marenbach, heute Chefredakteurin von Radio Multikulti. „Da galten wir schnell als merkwürdiges Edelweiß.“

Über welche Kanäle die Bänder und Papiere das Studio in der Potsdamer Straße erreichten, war auch in der Redaktion ein Geheimnis. Aus Sicherheitsgründen. „Häufig ist das Material erst kurz vor Sendebeginn bei uns angekommen“, erzählt Dieter Rulff, der die Sendung als Redakteur betreut hat. Dass Radio Glasnost überhaupt entstanden ist, bezeichnet er als eine „Mischung aus Idee und Gelegenheit“. Ohne den Journalisten Roland Jahn wäre die Sendung nicht denkbar gewesen. Jahn hatte in der DDR immer wieder gegen die politische Führung demonstriert. 1983 war er deshalb zwangsausgebürgert und in die Bundesrepublik abgeschoben worden. An seinem Engagement für die Ost-Opposition hielt er trotzdem fest: Vom Westen aus ließ er Druckmaschinen, Kameras und Computer in die DDR einschmuggeln. Was die DDR-Opposition betraf, war Jahn eine Ein-Mann-Nachrichtenzentrale. Sein Wissen und in der DDR illegal produziertes Filmmaterial gab er an die „Taz“ und das Fernsehmagazin Kontraste weiter, für das Jahn heute noch arbeitet.

Ost-Berlin hatte die Sendung und Roland Jahn fest im Blick: Radio Glasnost versuche, sich „massiv in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen, spezielle Zielgruppen in der DDR zu instruieren und ein Sprachrohr für im Sinne politischer Untergrundtätigkeit in der DDR wirkende Kräfte zu schaffen“, erklärte die Staatssicherheit nach Analyse der ersten Ausstrahlungen. Und bereitete eine Störung der Sendung vor. Das dokumentieren die Stasiakten zu Radio Glasnost, die in der Birthler-Behörde und dem Matthias-Domaschk-Archiv liegen.

In Berlin und Potsdam wurden zwölf Störsender aufgestellt. Im Frühjahr 1988 war deshalb statt Nachrichten von Ost-Bürgern für Ost-Bürger nur ein durchdringender Störton zu hören, in Ost-Berlin, Neukölln, Kreuzberg und in Wedding. Die FDJ-Zeitung Junge Welt hatte Roland Jahn schon im Februar vorgeworfen, „im Auftrag westlicher Geheimdienste und Medien“ immer neue „Hetz- und Verleumdungskampagnen gegen die DDR“ zu inszenieren. Die russische Nachrichtenagentur TASS hielt den „Desinformatoren“ von Radio Glasnost vor, „unter der Bevölkerung der DDR staatsfeindliche Stimmungen zu schüren und Spaltung in die sozialistische Ländergemeinschaft hineinzutragen“.

Radiomacher Dieter Rulff bezeichnet das Verhalten der DDR-Regierung rückblickend als „ungeschickt“: Das Ziel wurde verfehlt. Im Gegenteil, es machte die Sendung noch bekannter.

Ab September 1989 berichtete Radio Glasnost regelmäßig über die Montagsdemonstrationen in Leipzig. „Unser Team war sicher weniger überrascht von der Wende als viele andere“, sagt Dieter Rulff, der heute als freier Journalist arbeitet. Spätestens nach der von der DDR-Regierung gefälschten Kommunalwahl im Mai 1989 zeigte sich, dass der Widerstand in Ostdeutschland immer stärker wurde.

Nach dem Fall der Mauer war schnell Schluss mit der Sendung über die DDR. Das Format machte keinen Sinn mehr. In der letzten Ausgabe am 27. November 1989 waren verschiedene Vertreter der Oppositionsgruppen zu Gast. Und das nicht nur per Manuskript, Tonband oder telefonisch. Sie waren endlich auch persönlich am Mikrofon.

Nach dem Ende von Radio Glasnost klärte sich für das Team auch ein unerwartetes Recherche-Ergebnis: Einmal habe die Redaktion nämlich „richtig Geld in die Hand genommen“, erzählt Ilona Marenbach, und zwar für das Thema Umweltschutz. Aus einem See bei Ost-Berlin, der im Ruf stand, über den Gift-Grenzwerten zu liegen, ließ das Team heimlich eine Probe entnehmen. Die stellte sich nach der Analyse zwar als unbedenklich heraus, war es aber in Wirklichkeit nicht.

Ein Mitarbeiter der Redaktion gab sich später als Stasi-Spitzel zu erkennen. Er hatte die Proben im Auftrag der Stasi vertauscht.

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