Berlin : Dixie und Demo

Eine nicht ganz gewöhnliche Protestaktion in Grunewald

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Von Sigrid Kneist

Das sind ganz ungewohnte Demo-Töne. Dixie-Musik schallt durch Grunewald. „Papa Henschels Berlin Swingtett“ hat sich am Platz vor dem S-Bahnhof Grunewald aufgestellt, wo die „Initiative Berliner Bankenskandal“ ihren Spaziergang zu den Villen der an der Affäre beteiligten Politiker und Manager beginnen wird. Knapp 1000 Menschen sind der Aufforderung der Initiative um den Politikprofessor Peter Grottian (FU) gefolgt, um gegen Filz, persönliche Bereicherung und Korruption zu demonstrieren. Hier an der Ecke Fontanestraße – unweit vom Wohnhaus des früherer CDU-Fraktionsvorsitzenden und Berlin-Hyp-Vorstandschefs Klaus Landowsky – wird zu Beginn ein Denkmal enthüllt: Landowsky in Gips, in der Pose des Alten Fritz. Horst „Papa“ Henschel und seine nicht mehr ganz jungen Bandmitglieder spielen dazu Getragenes.

„Ein Politiker, der so viele Verdienste angehäuft hat, dass man ihm schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen muss“, sagt Grottian. „Für hervorragende Verdienste, für Filz, Korruption und Plünderung“ steht unter der kleinen Statue. Landowsky sei „die Personifizierung der Komplizenschaft von Politik und Ökonomie“. Nach der Denkmalenthüllung setzt sich der Demozug hinter dem Großplakat „Euer privater Reichtum beglückt uns mit öffentlicher Armut“ dann zu den Villen von Ex-Bank-Manager Knut Fischer, Wolfgang Rupf und anderen fort bis zur Clayallee. Bis vor die Villen dürfen die Demonstranten jedoch nicht, der Sicherheitsabstand von 150 Metern muss eingehalten werden.

Das Durchschnittsalter der Teilnehmer ist deutlich höher als normalerweise auf Demonstrationen dieser Art. Die Veranstalter tragen dem Rechnung mit einem Traktor samt Bollerwagen für diejenigen, die die Strecke nicht mehr bewältigen können. Hier bricht sich eher die Empörung der Normal-Bürgerlichen und auch Besser-Situierten Bahn. Die Polizei sieht die Sache recht gelassen. Sie ist zwar mit 190 Mann am Ort, schließlich geht es durch Grunewald und Schmargendorf, durchaus auch eine Gegend mit zu beschützenden Bewohnern und Objekten. Polizeisprecher Jörg Nittmann kann sich nicht daran erinnern, dass es in den Jahren seiner Dienstzeit jemals in dieser Gegend einen solchen Aufzug gegeben hat. Doch es bleibt friedlich bis zum Schluss.

Manche Teilnehmer sind zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Demonstration. Wie eine 74-jährige Berlinerin, die mit einer Freundin nach Grunewald gekommen ist. Sie sei gekommen wegen der Unverfrorenheit, mit der sich Politiker und Manager bereichert haben. „Schließlich sind wir doch alle Bankkunden, und wir werden nur mit zwei Prozent Zinsen abgespeist“, sagt sie. Das Demo-Feeling ist schon etwas Neues für die beiden Frauen, so dass sie sich nach einem Teil der Strecke richtig den Aufzug anschauen müssen. „Das stinkt doch alles gewaltig“, sagt Robert Rass, Physik-Professor an der TU. „Den Eliten sind die Maßstäbe verloren gegangen.“ Man müsse politisch Druck machen. Das findet auch seine Frau Ingrid. Öffentlichkeit müsse sein, damit „die Sache nicht einschläft“.

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