Berlin : DJ Geisterbahnhof

Zu Mauerzeiten war die Station Potsdam-Pirschheide die wichtigste der Stadt. Jetzt soll dort eine Disko entstehen.

Marco Zschieck[Potsdam]

Die Umnutzung traditionsreicher Bahnhöfe ist eine Herausforderung für jeden Planer. Vorbildlich gelöst wurde es beim Hamburger Bahnhof in Berlin, einst ein Technik-, heute ein Kunstmuseum. Der Kaiserbahnhof in Potsdam am Rande des Parks von Sanssouci blieb seinem ursprünglichen Zweck halbwegs verbunden und beherbergt heute die Akademie für Führungskräfte der Deutschen Bahn. Auch für eine weitere Potsdamer Bahnstation wurde jetzt ein neuer Zweck ersonnen, allerdings sehen eine Verbindung zur ursprünglichen Verwendung wohl nur Menschen, die moderne Tanzmusik an das Stampfen historischer Lokomotiven erinnert: Die Halle des Bahnhofs Pirschheide, im Südosten Potsdams auf der Westseite des Templiner Sees gelegen, soll zur Disko werden. Das Empfangsgebäude wurde bereits im vergangenen Jahr verkauft, bestätigte die Bahn auf Anfrage, es stand seit Jahren überwiegend leer. In einem Teil ist eine Bowlingbahn untergebracht.

Neuer Besitzer ist der Unternehmer Ronald Engelhardt aus Werder (Havel), der als Geschäftsführer der Anlagen-Montagen Werder GmbH in der Elektrobranche tätig ist. Das Gebäude soll renoviert und für Veranstaltungen und Feiern genutzt werden, erste Bauvorarbeiten haben begonnen. Engelhardt rechnet in der zweiten Jahreshälfte mit der Eröffnung. Die Stadt stehe mit dem neuen Eigentümer in Kontakt, bestätigte deren Sprecher Jan Brunzlow. Es gebe Vorabstimmungen, um über Genehmigungen und die künftige Nutzung zu sprechen.

Der untere Bahnsteig der Station Potsdam Pirschheide wird von der Regionalbahn RB 23 zwischen Potsdam und Michendorf genutzt – ein kümmerlicher Rest ihrer früheren Bedeutung, als sie sogar Potsdams Hauptbahnhof war. An einem Betriebsgebäude ist noch das verwitterte „Hbf“ zu lesen, was Ortsunkundige verwirren muss: Schon 1999 ist der frühere Bahnhof Potsdam Stadt nahe der Langen Brücke zum Hauptbahnhof der Stadt erklärt worden.

Aufstieg und Fall der Station Pirschheide hängen eng mit der deutschen Teilung zusammen. Die Reichsbahn musste für den DDR-Reiseverkehr einen Ring um West-Berlin schaffen, dabei entstand ab 1956 auch der am 18. Januar 1958 als Potsdam Süd eröffnete Bahnhof. Zwei Jahre später folgte die Erhöhung zu Potsdam Hauptbahnhof, er war die zentrale Durchgangsstation für Binnenfernverkehr, Interzonenzüge und den Nahverkehr nach Ost-Berlin.

Mit der Wiedervereinigung sank die Bedeutung der Station rapide. 1993 wurde sie in Potsdam Pirschheide umbenannt und verfiel mehr und mehr zum Geisterbahnhof. Aber zu einem, in dem weiterhin Verkehrspotenzial schlummert. Stadt und Land hatten beabsichtigt, den Bahnhof auszubauen. Hier soll die Regionalbahnlinie 22 als Zubringer zum Flughafen BER halten. Dafür müsste der Bahnhof allerdings umgebaut werden. 2,2 Millionen Euro Kosten hatte eine vom Land und vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg in Auftrag gegebene Studie im Vorjahr ermittelt – und diese Investition ausdrücklich empfohlen. Pirschheide ziehe Fahrgäste aus Geltow und Schwielowsee an, auch liege das Seminaris-Seehotel, die Sparkassenakademie sowie der Luftschiffhafen und damit die neue MBS-Arena im Einzugsbereich. 1200 Fahrgäste pro Tag zusätzlich, so die Prognose, würde ein angebundener Bahnhof Pirschheide von der Straße auf die Schiene locken – dies entspreche 7000 Kilometern, die nicht mehr mit dem Auto zurückgelegt werden. Mittlerweile findet sich der Ausbau der oberen Bahnsteige auch im Landesnahverkehrsplan. Allerdings wird vermerkt, dass die Baumaßnahme nicht in Planung sei, sondern lediglich Gespräche mit der Deutschen Bahn geführt werden sollen. Die Bahn sieht den Verkauf des Gebäudes als unproblematisch an, ließ ein Sprecher wissen. Der Verkauf stehe einer Sanierung der oberen Bahnsteige nicht im Wege.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und Vertreter der Umlandgemeinden würden in Pirschheide gern einen attraktiven regionalen Umsteigepunkt sehen. Das habe hohe Priorität, sagte Jakobs am Dienstag. Über die untere Ebene könnten wie bisher Caputh und Michendorf mit dem RB 23 angebunden werden, über den auf der oberen Ebene verkehrenden RB 22 Golm und Saarmund erreicht werden.

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