Dokumentation : Die Menschen vom Bundesplatz

Seit 22 Jahren dokumentieren zwei Filmemacher das Leben in einem Berliner Kiez. Nun würdigt die Berlinale ihr Werk mit einer Hommage.

Pascale Hugues
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Paris hat die Place Vendôme, ein perfekt proportioniertes Meisterwerk des klassischen französischen Urbanismus mit seinen Juwelieren, dazu die elegante Vendôme-Säule in der Mitte. London hat den Trafalgar Square mit Springbrunnen, Tauben und Touristen, die sich zu Füßen des schneidigen Admirals Horatio Nelson tummeln. Und Berlin? Berlin hat den Bundesplatz. Ohne Reiterstatue, ohne Springbrunnen – eigentlich dürfte er sich nicht einmal Platz nennen. Keine harmonischen Perspektiven, keine eleganten Fassadenfronten, nicht einmal ein Zentrum. Eine Art Niemandsland ohne Anfang oder Ende.

Seit die Stadtplaner Anfang der 60er beschlossen haben, seine Innereien zu zerstückeln, um Straßen und öffentliche Verkehrsmittel vier Stockwerke hoch unterzubringen, seither hat der Platz seine Seele verloren. Dieser Tunnel, der den Platz entzweischneidet, hat sich in eine echte Demarkationslinie verwandelt. Die Menschen östlich des Bundesplatzes haben mit seinen Bewohnern auf der Westseite nichts mehr zu tun. Im Jahr 1900 war der einstige Kaiserplatz mit dem Geld aus den französischen Reparationszahlungen erbaut worden, nach dem Willen Wilhelms II. sollte er so schön werden wie die Plätze in Paris. Von diesem Traum ist nichts geblieben als ein stadtplanerisches Verbrechen. Ein Platz, auf dem sich niemand aufhalten mag. Ein Platz, den man beim besten Willen nicht lieben kann.

Und doch sind zwei Menschen seinem Charme verfallen. Zwei Männer, die dem Bundesplatz seit 22 Jahren treu sind. Sie kennen alle seine Winkel, seine Dramen, seine Freuden, seine Metamorphosen. Stundenlang haben sie seine Seitenstraßen erkundet, sind seine Treppen hochgestiegen, haben seine Hinterhöfe erforscht und Zugang zu den Wohnungen und zum Leben der Bewohner gefunden.

"Warum so ein langweiliger Platz?"

Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm, Filmemacher, haben sich in den Bundesplatz verliebt. Keine plötzliche und ungestüme Liebe, die vergeht, sobald das erste Feuer erloschen ist. Sondern eine allmähliche Leidenschaft, die nun schon fast ein Vierteljahrhundert anhält.

Es begann Anfang der 70er Jahre. Um die freie Luft Berlins zu atmen, war Hans-Georg Ullrich vor dem Kommunismus geflohen, der Hand an seine Geburtsstadt Magdeburg gelegt hatte. Detlef Gumm war in der Industriestadt Ludwigshafen aufgewachsen; nach seiner ersten Klassenreise nach Berlin kannte er nur noch ein Ziel: Hier wollte er leben.

Hans-Georg Ullrich ist Kameramann. Detlef Gumm ist Tonmeister. Gemeinsam drehten sie einen Film für die „Sendung mit der Maus“. Thema: „Wo die Scheiße hingeht“. Ein kleines Mädchen geht auf die Toilette, zieht an der Spülung. Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm folgten der Reise durch die Kanalisation unter der Stadt Köln bis zum Rhein. Endlich bekamen die Kinder eine wissenschaftliche Antwort auf diese große existenzielle Frage. Riesenerfolg. „Was wollt ihr jetzt machen?“, fragte der WDR-Redakteur. Mehrere Jahre lang planten die beiden ihr großes Projekt: Die Langzeitbeobachtung eines Berliner Wohnbezirks. Im Jahr 1986 beginnt das Porträt „Berlin – Ecke Bundesplatz“.

Mikrogesellschaft "Berlin - Ecke Bundesplatz"

Dabei werden sie am Anfang gehörig verspottet. „Warum habt ihr euch so einen langweiligen Platz ausgesucht?“ Warum nicht SO 36, sehr in Mode damals? Nein, das wollten sie bewusst nicht. Der Bundesplatz wurde aus pragmatischen Gründen gewählt: Ganz in der Nähe liegt die Weimarische Straße, und da logiert die von Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm gegründete Produktionsfirma Känguruh-Film. Ein ideales soziales Beobachtungsfeld, wo sich vom Rechtsanwalt bis zum Schornsteinfeger alles findet, eine Sammlung von „kleinen Leuten“ mit ihrem auf den ersten Blick durchschnittlichen Leben. Und all das in einem Umkreis von 500 Metern.

Die Filmemacher warfen 1200 Zettel in die Briefkästen: „Das ist unser Projekt. Können Sie sich vorstellen mitzumachen? Demnächst kommt jemand und spricht mit Ihnen. Wenn nicht, dürfen Sie Ihre Tür zuknallen.“ Wie Staubsaugervertreter seien sie herumgegangen, erinnert sich Detlef Gumm. „Auf und ab die Treppen. Ein paar Mal sind die Türen zugeknallt. Aber es gibt auch einige, die noch im Kiez wohnen und sich bis heute ärgern, dass sie nicht mitgemacht haben.“ An 1200 Türen klingelten sie. Schließlich wählten sie 26 Menschen aus.

Die Mikrogesellschaft „Berlin – Ecke Bundesplatz“ war geboren. Da ist Marina Storbeck, alleinerziehende Mutter, drei Kinder von drei verschiedenen Vätern. Da ist Familie Köpcke. Er ist Sänger und Begräbnisredner, sie Hausfrau und Mutter. Sie haben drei wohlbehütete Kinder und führen ein harmonisches Leben. Da sind Reimar Lenz und Hans Ingebrand, Homosexuelle, unangepasste Intellektuelle, die den Materialismus ablehnen und für die internationale interkulturelle Verständigung kämpfen. Und der Yilmaz-Clan. Die Eltern sind in einem Nomadenzelt im hintersten Anatolien geboren und nach Berlin gekommen, um am Fließband zu arbeiten. Ihre Enkel sind in Deutschland geboren und fühlen sich eher deutsch als türkisch.

Es hat Hochs und Tiefs gegeben

26 Lebensläufe, 22 Jahre. „Buddenbrooksmäßig: Vier Generationen!“ sagt Hans-Georg Ullrich. Zufall war es, dass diese 26 Leute ein Spektrum der Gesellschaft und ihrer Transformationen in all den Jahren porträtieren. „In dieser Mikrosituation“, sagt Ullrich, „findet man die ganze Bundesrepublik wieder, vom Anfang der Kohl-Ära bis heute.“

22 Jahre Dreharbeiten, jährlich zwei Drehphasen mit jedem Protagonisten, eine monumentale Arbeit. Die das Privatleben oft genug auf den Kopf stellt: Der Urlaub wird verschoben, weil einer der Darsteller heiratet. Silvester wird mit den Protagonisten gefeiert und nicht mit der Familie. Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm sind ihren Leuten in die Rehaklinik gefolgt, in die Ferien nach Schweden und bis nach Kurdistan in die Zelte der Familie Yilmaz. „In einem normalen Dokumentarfilm kommen die Protagonisten zur Premiere, und dann sieht man sie vielleicht nie wieder. Wir sind eine Filmehe eingegangen“, sagt Hans-Georg Ullrich.

Das Büro der Känguruh-Film wird zum Treffpunkt, der große Marmortisch im Eingang zur Informationsbörse. Die Familien kommen, um die Filmemacher zu informieren: „Morgen fahren wir in den Schwarzwald, kommt ihr mit?“ „Mein Sohn heiratet im Juni, seid ihr dabei?“ Heute sind zwei ins Büro gekommen, um sich auszuweinen.

Ob sie nicht ab und zu die Nase voll haben von all diesen Leuten? Natürlich hat es Hochs und Tiefs gegeben. Aber Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm sind sich einig: „Man kann nicht 22 Jahre drehen und nicht wenigstens irgendeinen Aspekt finden, den man mag.“ Schließlich hätten sie keinen Sachfilm über die Milchquoten gemacht. „Zum Beispiel Marina: Ihre Passivität, dieses Leben am Tropf der Sozialhilfe. Natürlich hatten wir manchmal Lust, ihr einen Tritt in den Arsch zu geben und ihr zu sagen: Nimm dein Leben in die Hand!“ Und dann auf der anderen Seite diese Wortgewalt von Marina, diese Fähigkeit, ihre Gefühle auszudrücken, ihre Offenheit in all den Jahren. Das habe sie sehr beeindruckt. Einmal saßen die beiden Filmemacher mit Marina auf einer Parkbank, als eine Frau mit Kinderwagen vorbeikam. „Ich kenne Sie aus dem Film“, sagte sie zu Marina, „und ich habe dieses Kind behalten, weil Sie gesagt haben, dass man es schafft, und dass ein Kind das größte Glück ist.“

Veränderungen passieren nur durch Schicksal

Die Protagonisten und ihre Intimsphäre müssen vor Voyeurismus geschützt werden, der Bundesplatz ist kein Dschungelcamp. Als eine junge Frau sich die Brust verkleinern lässt, bleibt die Kamera zu Hause. Es ist eine Frage des Respekts. Als eine Boulevardzeitung ein Porträt von ihrem Bäckermeister schreiben wollte, kam Hans-Georg Ullrich zufällig vorbei und sah, wie der Bäckermeister auf Befehl des Fotografen zwei Schweineohren an seine Ohren hält. „Muss das sein, dass Sie ihn so abbilden?“, hat Hans-Georg Ullrich gedonnert.

Im Fernsehen würden Biografien heute nicht mehr in Ruhe erzählt werden, sagt Detlef Gumm. Stattdessen schnell verwertbare Ware, „viele sogenannte kommentargestützte Filme werden zugequatscht: Es wird vorher gesagt, was du als kluger Mensch gleich sehen wirst.“ Die Diktatur der Quoten, die Verschiebung guter Sendungen auf schlechte Sendeplätze, der Geldmangel der Sendeanstalten, die wenigen Drehtage. Heute hätte niemand mehr den Mut, ein Unternehmen wie „Berlin – Ecke Bundesplatz“ zu finanzieren, glauben beide. Doch ihr Projekt hat sich behauptet und bekommt Geld vom WDR, 3Sat und dem RBB.

22 Jahre lang betrachtet man das Leben der anderen. Versteht man es dann besser, das ganz normale Leben? Er habe festgestellt, sagt Hans-Georg Ullrich, dass Veränderungen nur durch Schicksal passierten. „Es gab nicht einen Einzigen der 26, der gesagt hat: Ich ändere mein Leben, weil ich mir das heute Nacht überlegt habe.“ Ein Kind verändert das Leben von Jasmin, Marinas ältester Tochter. Ein Bandscheibenvorfall verändert das Leben von Niels Köpcke, dem Begräbnisredner.

Berlinale würdigt die Filmemacher mit einer Hommage

Die beiden Filmemacher haben auch erfahren, dass Geschichte sich wiederholt. Wie ihre Mutter wird Jasmin alleinerziehende Mutter und Hartz-IV-Empfängerin werden. „Marinas Kinder haben gelernt“, sagt Detlef Gumm, „dass auch in schwierigen Situationen ein Amt da ist, das ein weiches Netz ausbreitet. Das ist einfacher, sagt Jasmin. Warum soll ich arbeiten gehen, wenn ich vom Amt leben kann?“ Die Kinder der Familie Köpcke singen wie ihr Vater oder tanzen wie ihre Mutter. Sie sind frei und mutig wie ihre Eltern.

Heute haben Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm weiße Haare und die 60 längst überschritten. Sie haben das ganze Leben mancher Protagonisten begleitet, waren bei deren Geburt dabei und sind heute noch da. Keiner hat je beschlossen: Ich mache nicht mehr mit! Auch die Filmemacher haben nie den Wunsch verspürt, Kamera und Mikro abzuschalten. „Mit meiner Frau bin ich 43 Jahre verheiratet“, sagt Hans-Georg Ullrich, „mit Detlef 35!“ Als sie noch jung und wild waren und kein Geld hatten, aber in der ganzen Republik drehten, haben sie sich ein Doppelzimmer geteilt, das nach Fritten und ranzigem Öl gerochen habe, sagt Detlef Gumm, in seiner Stimme scheint Nostalgie mitzuschwingen. Trennen? „Jetzt nicht mehr.“

Die Berlinale würdigt die beiden Filmemacher mit einer Hommage. Fünf neue 90-minütige Filme werden an zwei Wochenenden im Kino Cosima gezeigt, direkt am Bundesplatz, vor dem Eingang zur S-Bahn.

Und da das Leben nichts dem Zufall überlässt und sich die Geschichte immer wiederholt, hat der kleine Magdeburger Hans-Georg, als er mit seinen Eltern zu Besuch bei Tante Uschi in Berlin war, in eben diesem Kino seinen ersten Film gesehen: Sissi. Romy Schneider. Wiener Walzer. Eine Verzauberung. Am Abend liegt der Kleine mit 39 Grad Fieber im Bett, und die Eltern sagen: Der Junge regt sich wieder auf!

An diesem Wochenende sind die beiden Filmemacher bestimmt wieder aufgeregt, wenn Marina und Jasmin, die Köpckes und die Yilmaz’ über den roten Teppich defilieren, den die Berlinale für sie ausgerollt hat – genau wie für Brad Pitt.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

Heute werden drei der fünf neuesten Filme im Cosima-Filmtheater (Schöneberg, Sieglindestraße 10) gezeigt, um 11, 15 und 18 Uhr. Am kommenden Wochenende gibt es dann noch mal alle fünf Filme zu sehen: zwei am Samstag (14 und 18 Uhr) und drei am Sonntag (11, 15 und 18 Uhr). Infos im Internet: www.berlineckebundesplatz.de

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