Dokumente der deutschen Teilung : Im Osten waren Fotos von der Grenze verboten

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus bringen die Verlage viele neue und wiederaufgelegte Bücher heraus. Vom Osten aus war das Fotografieren verboten, dafür wurde vom Westen aus um so mehr geknipst.

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Aus dem Mai 1985 stammt diese Aufnahme aus der Kopenhagener Straße, die DDR-Grenzer beim Aufbau der letzten Ausbaustufe zeigt.Alle Bilder anzeigen
Foto: Wolfgang Petro. Die Berliner Mauer - Ihr wahres Gesicht (Jaron-Verlag)
03.08.2011 11:55Aus dem Mai 1985 stammt diese Aufnahme aus der Kopenhagener Straße, die DDR-Grenzer beim Aufbau der letzten Ausbaustufe zeigt.

Das Monstrum ist zum Star geworden. Es steht, zumeist als Querformat und in abschreckendem Grau, auf vielen Buchdeckeln. Jeder weiß, worauf er sich einlässt, wenn er die gedruckte Mauer mit nach Hause nimmt. Die Zahl der ihr gewidmeten, teilweise wiederaufgelegten Bücher und Bildbände hat in den vergangenen Wochen stetig zugenommen: 50 Jahre Mauerbau sind Anlass, scheinbar längst Bekanntes in immer neuen Variationen zu zeigen.

Der deutsch-deutschen Teilung eindringlichstes Symbol hat auf manche Bewohner einen besonderen fotografischen Reiz ausgeübt – vor allem im Westen, denn vom Osten aus war das Fotografieren verboten. Der Arzt Wolfgang Petro zum Beispiel floh 1977 mit seiner Familie im Kofferraum eines Wagens über die Transitautobahn in den Westen, war später Direktor einer Lungenklinik in Bad Reichenhall und dokumentierte seit den achtziger Jahren mit großer Detailversessenheit das Bauwerk. „Die Berliner Mauer – Ihr wahres Gesicht“ heißt sein viersprachiger Bildband aus dem Jaron-Verlag, die Fotos gelangen meist nur dank großer Teleobjektive, oft nach langem Warten, stets unter misstrauischer Beobachtung durch die Grenzbewacher.

Der West-Berliner Michael Magercord nennt seine im Sutton-Verlag publizierten, zwischen 1986 und 1993 entstandenen Fotos fast zärtlich „Meine Mauer“: Gewöhnung an einen Zustand, Mauer-Integration ins tägliche Leben, am Ende Abriss und Abbruch aus persönlicher Sicht. Mit einer DVD und 50 Minuten Original-Filmmaterial präsentiert der Berlin Story Verlag, gemeinsam mit dem Landesarchiv, die 9. Auflage von „Die Berliner Mauer 1961–1989“ in neun Sprachen. Ganz anders „Die Berliner Mauer“ von Karl-Ludwig Lange aus dem Sutton-Verlag: Fotos von damals und jetzt, Fotos mit und ohne Mauer, die Neuzeit in Farbe, das Zement-Zeitalter öde, traurig und grau. Die Gegenüberstellung von damals und heute ist auch das Prinzip in dem dieser Tage im be.bra-Verlag erscheinenden, mit sieben Karten ergänzten Fotoband von Bennet Schulte: „Die Berliner Mauer – Spuren einer verschwundenen Grenze“.

Mauerpanoramen
Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner und Arwed Messmer. Die Bildunterschriften beziehen sich auf Protokolle der DDRGrenzregimenter zu Mauer-Rufen aus dem Westen. Grenzübergang Chausseestraße. Ein 35- bis 40-jähriger Westberliner legt in Höhe Sicherungslinie einen Brief und zwei Zigaretten auf das Geländer und ruft dem Posten zu: "An Walter Ulbricht weiterleiten!" Der Posten gibt zwei Warnschüsse ab, der Mann täuscht ein Getroffensein vor und krümmt sich mit den Worten zusammen: "Ich sterbe für Deutschland."Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: BArch-DVH 60 Bild-GR33-03-063 bis 073, o. Angabe, Rekonstruktion und Interpretation Arwed Messmer
02.08.2011 13:33Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner...

Das Mauer-Zeitalter im weitesten Sinn erklärt das Begleitbuch zur RBB-Fernsehsendung „Mauerjahre – Leben im geteilten Berlin“. Hier läuft wie im Film die deutsch-deutsche Entwicklung von 1961 bis 1990 ab. Zeitzeugen berichten nicht nur über die Mauer, sie steht gewissermaßen immer im Bild, wenngleich auch manchmal nur im Hintergrund (Edel-Verlag). Aus dem Ch.-Links-Verlag kommt als Pocket-Ausgabe Hans-Hermann Hertles Standardwerk „Die Berliner Mauer“ als „Biografie eines Bauwerks“, dazu „Die Berliner Mauer in der Kunst“. Und im selben Verlag machen sich 24 Experten Gedanken zur Mauerkonservierung. Was ist mit dem „Denkmal von Weltrang“ zu tun, damit es nicht zu Staub zerfällt? „Denkmalpflege für die Berliner Mauer“ sind 240 Seiten über das Schicksal von Beton und Stahl. Die Baustoffe bröckeln und rosten vielleicht, die Erinnerung verwittert nie.

Mauer-Bücher

Wolfgang Petro: Die Berliner Mauer – Ihr wahres Gesicht. Jaron, 120 S., 16,95 Euro. Michael Magercord: Meine Mauer, Fotografien eines West-Berliners 1986 bis 1993. Sutton, 120 S., 19,95 Euro. Karl-Ludwig Lange: Die Berliner Mauer, Fotografien 1973 bis heute. Sutton, 95 S., 19,95 Euro. Volker Viergutz/Landesarchiv Berlin: Die Berliner Mauer 1961– 1989. Berlin Story Verlag, 129 S., 118 Abb., 9,80 Euro. Jost-A. Bösenberg / J.-F. Huffmann: Mauerjahre – Leben im geteilten Berlin. Edel-Verlag, 256 S., 24,95 Euro. Hans-Hermann Hertle: Die Berliner Mauer. Biografie eines Bauwerks. Ch. Links, 240 S., 180 Abb., 4,90 Euro. A. Dorgerloh, A. Kuhrmann, D. Liebermann: Die Berliner Mauer in der Kunst. Ch. Links, 300 S., 29,90 Euro. Axel Klausmeier und Günter Schlusche: Denkmalpflege für die Berliner Mauer. Ch. Links, 268 S., 34,90 Euro. Maria Nooke/ Lydia Dollmann: Fluchtziel Freiheit. Berichte von DDR-Flüchtlingen. Ch. Links, 140 S., 14,90 Euro. Bennet Schulte: Die Berliner Mauer – Spuren einer verschwundenen Grenze. be.bra, 120 S. 200 Fotos, 12,95 Euro.

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