Dokumentiert : Senatsverwaltung nimmt Umweltkatastrophen billigend in Kauf

Zu Hochwasserschäden in Heiligensee dokumentieren wir hier als Anhang zu unserem Bezirksnewsletter das Schreiben einer Expertin an den Reinickendorfer Bauausschuss.

Sabine Müller
Zugewachsener Birkengraben, der den Platenhofer Weg kreuzt.
Zugewachsener Birkengraben, der den Platenhofer Weg kreuzt.Foto: Sabine Müller

An die Mitglieder des Reinickendorfer Bauausschusses

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, dass ein Runder Tisch zur Hochwasserproblematik in Heiligensee eingerichtet werden soll. Nach der Bauausschuss-Sitzung am letzten Dienstag und zur Vorbereitung auf die nächste Sitzung möchte ich gern noch einmal zur Situation in Heiligensee Stellung nehmen. Der Versuch der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, die Schuld der Behörden für die Kellervernässung auf (verstorbene) BürgerInnen abzuschieben, kann niemand überzeugen, der die Fakten kennt. In meinen Augen ist die Argumentationsstrategie der Senatsverwaltung eine durchsichtige Strategie, um die Finanzierung dringend notwendiger Infrastrukturmaßnahmen entweder zu verweigern oder auf die BürgerInnen abzuwälzen.

Beschuldigung der HausbauerInnen

Frau Dr. Fritz-Taute von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat am 7.11.17 den (verstorbenen) HausbauerInnen in Heiligensee eine mangelnde Voraussicht vorgeworfen. Sie hätten beim Bau ihrer Häuser den hohen Wasserstand von 1932 berücksichtigen und dementsprechend bauen sollen. Das heißt, sie hätten auf Keller verzichten sollen. Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Denn 1933 wurde das Grabensystem von Heiligensee angelegt und damit der Grundwasserspiegel dauerhaft abgesenkt. Nur während des Krieges gab es einen zu hohen Grundwasserspiegel, vielleicht durch Bombenschäden, vielleicht durch mangelnde Instandhaltung der Gräben. Die HausbauerInnen hatten sich also an den Wasserständen seit 1933 zu orientieren und nicht an denen aus der Zeit ohne Grabensystem. Da es seit dem Bau des Grabensystems außer im Krieg kein Hochwasser gab, mussten die HausbauerInnen nicht mit Überflutungen ihrer Keller rechnen.

Grafik: Sabine Müller

Die damaligen HausbauerInnen dürften durchaus die Erfahrungen der Vergangenheit in die Zukunft extrapoliert haben. Höchstwahrscheinlich erinnerten sie sich gut an die Bombardierung Berlins im Zweiten Weltkrieg. Sie werden auch deswegen Keller gebaut haben, um sich im Fall eines erneuten Krieges vor Bomben zu schützen. Ein Schutzkeller war für Menschen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration während des Kalten Krieges wichtiger als das damals abwegig erscheinende Risiko, dass Keller nass werden könnten, weil das Grabensystem verschwinden könnte. Die damaligen HausbauerInnen konnten schließlich nicht ahnen, dass Berlin Jahrzehnte nach der Bombardierung von Personen regiert und verwaltet wird, die Berlin wieder in das Sumpfland verwandeln wollen, das es in der Steinzeit einmal war. Ebenso wenig konnten sie die zunehmende Flächenversiegelung infolge des starken Bevölkerungswachstums in Berlin vorhersehen. Erst recht mussten sie nicht mit dem Klimawandel und den dadurch vermehrt auftretenden Extremwetterlagen rechnen.

Die Gabe zur prophetischen Voraussicht fordert die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz nur von den (verstorbenen) BauherrInnen, aber weder von den Behörden, die ihnen Baugenehmigungen erteilt haben, noch von den Behörden, die öffentliche Bauten mitten in den Sumpf des Regierungsviertels und des Museumsviertels gebaut haben. Verrottenlassen der Entwässerungsgräben Die Entwässerungsgräben sind aufgrund mangelhafter Pflege so mit Schilf zugewuchert und so verschlammt, dass sie das Wasser teilweise stauen statt abzuleiten. Die Wartungsarbeiten der letzten Zeit wurden nur an einem Teil der Gräben durchgeführt, aber beispielsweise nicht am Birkengraben.

Zugewachsener Birkengraben, der den Platenhofer Weg kreuzt.
Zugewachsener Birkengraben, der den Platenhofer Weg kreuzt.Foto: Sabine Müller

Die Schuld für den verrotteten Zustand der Gräben schreibt die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz den Wildschweinen und den BürgerInnen zu.

Entwässerung der neu asphaltierten Straßen in das Grabensystem

Obwohl das Grabensystem zur Absenkung des Grundwassersystems in Heiligensee errichtet wurde, hat man es seit 2008 als billigen Vorfluter umfunktioniert. Straßen, die früher nie in das Grabensystem entwässert haben, leiten inzwischen nach jedem Regenfall enorme Mengen Wasser ohne Zeitverzögerung (Hochwasserspitze) in das Grabensystem. Einige Beispiele:

- Ca. 2008 wurden ca. 3 Kilometer der Schulzendorfer Straße asphaltiert und das Regenwasserableitungssystem direkt in den Haselgraben verlegt.

- Zur gleichen Zeit wurde die Entwässerung des S-Bahnhofs Schulzendorf ebenfalls in den Haselgraben verlegt; das bestehende Regenwasserversickerungsbecken wurde zugeschüttet.

- Circa 2012 wurde bei der Erneuerung der Ruppiner Chaussee ein Regenwasserrohrsystem unter der Straße verlegt, das das Regenwasser der oberen Hälfte der Ruppiner Chaussee in den Lindengraben leitet; nur die untere Hälfte der Ruppiner Chaussee entwässert ihre Hochwasserspitze auf direktem Weg in die Havel.

- Seit ca. 2015 wird das Regenwasser vom Bekassinenweg direkt in den Haselgraben geleitet.

Somit wird das Grabensystem bei Starkregen durch unnatürlich hohe, für das System viel zu große Wassermengen belastet.

An einigen Stellen wurden notdürftige Maßnahmen ergriffen. So wurde vor kurzem vor der Zahnarztpraxis in der Schulzendorfer Straße 106 eine Drainagegrube angelegt und mit einem Metallgeländer eingefasst. Für kleine Kinder besteht allerdings Lebensgefahr, wenn die Grube voll Wasser steht.

Straßenentwässerung im Jahr 2017 in der deutschen Hauptstadt.
Straßenentwässerung im Jahr 2017 in der deutschen Hauptstadt.Foto: Sabine Müller

Einleitung von Wasser von der Autobahn in das Grabensystem

Zusätzlich werden nach Beobachtungen von AnwohnerInnen sporadisch enorme Mengen Wasser aus Wasserspeichern der Autobahnentwässerung in den Lindengraben geleitet.

Verschluss des Zuflusses des Heiligenseegrabens in den Heiligensee

2008 wurde der Zufluss des Heiligenseegrabens in den Heiligensee zugemauert. Damit wurde der direkte und kürzeste Abfluss in den Heiligensee verschlossen. Ersatzweise muss das Wasser nun einen kilometerlangen Umweg fließen und zwar zum wesentlich höher gelegenen Abflusspunkt des Weidengrabens. Die früher effektive Entwässerung funktioniert seit dem Abmauern des Zuflusses nur noch eingeschränkt.

Da technische Gründe für diese Maßnahme kaum vorstellbar sind, stellt sich die Frage, warum hier die Interessen der privaten Besitzer des Heiligensees über die Interessen der Allgemeinheit gestellt wurden. Der Gedanke an Begünstigung oder Korruption drängt sich geradezu auf.

Schlussfolgerung

Das Verrottenlassen der Gräben, der Verschluss des Zuflusses des Heiligenseegrabens zum Heiligensee und die Ableitung des Straßenwassers in die verrotteten Gräben haben in vielen Gebäuden Heiligensees Keller nass werden lassen, die jahrzehntelang trocken waren. Kommt dann noch Starkregen dazu (womit man nach allen Prognosen in Zukunft häufiger rechnen muss), läuft das fast volle Fass vollends über, so dass Tausende Keller geflutet werden.

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz nimmt billigend Umweltkatastrophen durch leck werdende Öltanks, Krankheiten der BewohnerInnen durch Schimmel sowie tödliche Stromunfälle in überschwemmten Kellern in Kauf. Ebenso nimmt sie das Absterben von Bäumen in Kauf, die durch das über eine Woche lang anhaltende Hochwasser geschädigt wurden und ihre Standfestigkeit verloren haben, sodass viele von ihnen im Sturm Xavier umgestürzt sind.

Diese Tatsachen ignorierend meint die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz: „Es gibt kein Grundwasserproblem, sondern ein Problem mit den nicht fachgerecht abgedichteten Gebäuden.“

Dieser Versuch, auf neoliberale Weise die Infrastruktur verfallen zu lassen und die Folgekosten und Belastungen auf BürgerInnen und Gewerbetreibende abzuwälzen, halte ich für inakzeptabel. Die öffentliche Hand muss die Daseinsvorsorge sicherstellen und auf grundlegende Veränderungen der Lebensverhältnisse wie den Klimawandel angemessen reagieren.

Forderungen

Aus dem oben Dargelegten ergeben sich Forderungen für m.E. notwendige Maßnahmen:

- Regelmäßige Instandhaltung der Grabensysteme

- Entfernung der Mauer zwischen Heiligenseegraben und Heiligensee

- Als Sofortmaßnahme für Straßen ohne angemessene Kanalisation: Drainagen wie vor der Zahnarztpraxis in der Schulzendorfer Straße – allerdings mit Schutz für Kinder

- Beendigung der Ableitung des Regenwassers der Straßen über das Grabensystem

- Sanierung der Straßen unter Beachtung der Richtlinien für die Anlage von Straßen, Teil: Entwässerung – RAS-Ew

- Überprüfung durch unabhängige Sachverständige, ob diese Maßnahmen ausreichen, oder ob zusätzlich zumindest bei Starkregen Wasser abgepumpt werden sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Priv.-Doz. Dr. Sabine Müller

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