Berlin : Dolores Bauer, geb. 1927

Ursula Engel

Die dunkelbraunen Haare zum Pagenschnitt frisiert, zierlich, meist im Rock und immer mit einem Lächeln im Gesicht. Dolores Bauer war es gelungen, ihren Optimismus und ihre Herzenswärme über die Kriegszeit hinwegzuretten. "Für mich bestand kein Zweifel: Es war ihre Berufung, anderen zu helfen", sagt Achmed Gülenmann, der Dolores Bauer als Student kennen lernte. Seit 1972 arbeitete er als Dolmetscher für sie. Damals war sie Ausländerbeauftragte in Kreuzberg. An ihr Büro erinnert sich Gülemann noch gut. Vor allem an den großen Schreibtisch, auf dem stets große Haufen von Hand beschriebener Zettel lagen. "Das waren Anfragen, Hilferufe, tausend Dinge, die erledigt werden mussten", sagt er. "Dolores hat sich durch diese Berge gekämpft. Wer sich an sie wandte, konnte sicher sein, dass er nicht vergessen wurde." Das sprach sich herum, und es kamen immer mehr Ausländer, die sich von Dolores Hilfe versprachen. Es ging um Mietfragen, die Kinder, Schulprobleme, vor allem aber ging es um Probleme zwischen Mann und Frau. "Mehr als einmal saß eine Frau blau und grün geschlagen bei uns im Büro. Einmal ließ der Ehemann nicht lange auf sich warten. Es kam zu sehr unangenehmen Szenen. Manchmal ging es auch handgreiflich zu." Gülenmann deprimierte es, wenn die gleiche Frau einige Wochen später wieder da saß und es klar war: da ändert sich überhaupt nichts. Dolores Bauer hingegen behielt ihren Glauben daran, dass Dinge verändert werden können. An starre Bürostunden hat sie sich nie gehalten. Ihre Arbeit schwappte weit ins Privatleben hinein. Wenn Behörden oder Familienangehörige nicht sofort weiterhelfen konnten, sprang Dolores Bauer eben selbst ein. Als eine Türkin sich von ihrem Mann scheiden lassen wollte, und nicht wusste wohin, ließ sie sie bei sich einziehen und machte sie zur Mitarbeiterin im Büro. Während ihr Mann in München an der Universität arbeitete, blieb Dolores Bauer in Berlin. "Sie hatte dort alle ihre Freunde und Freundinnen. Sie wollte nicht weg von Berlin", sagt er. Aber fast 600 Kilometer sind auch für gestandene Eheleute ein weiter Weg. "Einen Ehespagat haben wir versucht", sagt ihr Mann.

Der Weg zur professionellen Helferin führte bei Dolores Bauer über viele Umwege. Nach dem Krieg arbeitete sie als Straßenbahnschaffnerin in Berlin. Dann ging sie nach Niederbayern, wo ihre Eltern sich niedergelassen hatten. 1956, während Dolores in München Philosophie, Germanisik, Psychologie und schließlich Jura studierte, lernte sie ihren Mann Hermann kennen. Direkt nach dem Studium bekam sie eine Anstellung als Sachbearbeiterin im Forschungsinstitut der "Stiftung Wissenschaft und Politik". Zwei Jahre später ergab sich endlich die Möglichkeit, unmittelbar mit Menschen zu arbeiten: als Ausländerbeauftragte im fernen Berlin. Dolores Bauer überlegte nur kurz. Endlich konnte sie beruflich das tun, was ihr am wichtigsten war: anderen helfen. Sie hatte ihren Platz gefunden.

Beruflich endete Dolores Bauers Kampf für die Ausländer 1987. Sie ging in Rente. Doch der schwerste Kampf ihres Lebens stand ihr noch bevor. Der Feind, ihr eigener Körper, hatte sich schon in Position gebracht.

"Ich lass mich von dieser Scheißkrankheit nicht unterkriegen", hat sie gesagt, als sie die Diagnose Krebs bekam. Wegen eines Mittels gegen die Sonnenallergie war sie zum Arzt gegangen. Der gab ihr ein Medikament und fand bei der routinemäßigen Untersuchung noch etwas anders: einen mehr als faustgroßen Tumor. Die Reise in die Sonne, zur Schwester an den Gardasee, musste verschoben werden. Der Kampf gegen die Krankheit begann. Mit allen Mitteln, allem was Natur- und Schulmedizin zu bieten hatten, lehnte sie sich auf. Dolores trotzte der Krankheit etliche Zeiten des Glücks ab. Chemotherapien und Operationen begleiteten nun ihr Leben. Zwölf Jahre lang drängte sie den Krebs immer wieder zurück. Es gelang ihr bis zum Schluss selbstständig und mobil zu bleiben.

Eine Woche vor ihrem Tod war sie nocheinmal bei Gülenmann und seiner Familie zu Besuch. Sie sahen gemeinsam Fotoalben an, redeten über Alltägliches, vor allem aber über die Vergangenheit. Nach eineinhalb Stunden war sie erschöpft. "Es geht zu Ende", hat sie zu ihm auf der Rückfahrt gesagt. Eine Woche später war Dolores Bauer tot.

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