Berlin : Domäne Dahlem: "Tante Emma" erinnert sich

Katharina Koerting

Da haben sie jahrzehntelang ihren Job gemacht, haben tagein, tagaus Ware ausgepackt, abgewogen, verkauft, mit den Kunden über das Wetter oder auch die anstehende Hochzeit der Nichte gesprochen - und nun sind sie zum historischen Anschauungsmaterial geworden, gebannt auf Video. Neun ältere Herrschaften haben sich zur Premiere auf der Domäne Dahlem versammelt: "Der Tante-Emma-Laden - Zeitzeugen erinnern sich". Der begehbare Kaufmannsladen, der seit zwei Jahren im Museum der Domäne zu bewundern ist, wird durch diese halbstündige Dokumentation, zusammengebastelt aus 15 Stunden Interview-Material, zum Leben erweckt.

"Der Laden ist das beliebteste Stück unserer Besucher", sagt Peter Lummel, wissenschaftlicher Leiter des Museums, der die Idee für das Video-Projekt hatte. Vom Nagel über saure Gurken, von Schuhcreme bis zu süßer Sahne - das kleine Geschäft um die Ecke bot unseren Großeltern alles, was man so braucht. Einige Verkäufer priesen Sonderangebote oder Neuheiten mit Schlemmkreide auf dem Schaufenster an. Bis ins Jahr 1916 reichen die Erinnerungen der ehemaligen Ladeninhaber zurück, die mittels einer Zeitungsanzeige vom vergangenen Jahr ausfindig gemacht wurden.

Denn Tante-Emma-Läden gibt es kaum noch. Mit Beginn der 60er Jahre waren die meisten ausgestorben, verdrängt von Supermärkten und großen Handelsketten. Heute geht niemand mehr mit einem Handwagen los, wie Hildegard Walther 1916/1917, um Grieß, Haferflocken und Nudeln zu holen. "Am Ende des Krieges war der halbe Laden voll mit Steckrüben und Weißkohl", erzählt sie. Hermann Gast, der ein Geschäft in Rüdersdorf hatte, weiß die alten Preise, als stünde er noch hinter der Ladentheke. Ein Pfund Mischkaffee (90 Prozent Gerste und zehn Prozent Kaffee) kostete 50 Pfennig.

Die Heringe kamen in Fässern. An der Farbe konnte er sehen, ob die Ware Qualität hatte: Das Heringsfleisch muss weiß sein. Der Wein wurde aus 500-Liter-Fässern per Schlauch in Flaschen abgefüllt, mit einem Apparat verkorkt und etikettiert. Gast stellte außerdem selbst einen Weinbrandtverschnitt her. Die Damen bevorzugten Liköre von Marken, die es nicht mehr gibt. Die billigste Schokoladentafel ging bei ihm für 18 Pfennige über die Theke.

Die meisten der Zeitzeugen haben in den 50er oder 60er Jahren ihr Geschäft geschlossen. Michael Kühn hat bis 1981 durchgehalten. Dann musste auch er seine Fleischerei samt Lebensmittelhandel in der Charlottenburger Kantstraße dicht machen. "Unsere Zeit war abgelaufen, der Hauswirt verlangte die doppelte Miete." Mittlerweile gibt es in der Gegend keinen Fleischer mehr. Doch der Charme des Films beruht nicht darin, dem Vergangenen nachzutrauern.

Ganz konkret sind die Informationen, sachlich und präzise, wie es einem guten Verkäufer geziemt. Unter den Hauptdarstellern ist sogar eine echte Emma: Die 94jährige Emma Meisel führte bis 1951 ein Geschäft in der Neuköllner Reuterstraße. "Man musste den Zucker mit Schippen in die spitzen Tüten füllen, bis die Nadel der Waage an der richtigen Stelle war", erinnert sie sich, "der eine wollte ein halbes Pfund, der andere ein ganzes - das dauerte eine Weile." Manche orderten auch nur "ein Achtelpfund". In der Zwischenzeit konnte ausgiebig geklönt werden. Anschreiben war gang und gäbe, jedenfalls bei den Stammkunden - und das waren die meisten.

Melitta Meinel hatte ein Geschäft in der Köpenicker Straße, direkt an der Grenze zu Ost-Berlin. Den Laden hatten 1878 ihre Großeltern eröffnet, die Milch stammte von 30 eigenen Kühen. "Wir hatten auch Ost-Kunden", sagt die 93Jährige. Eine Kasse für Ost-Geld stand extra im Laden, und den Umrechnungskurs hatte man im Kopf. Sie wohnte über dem Geschäft, bis sie es 1960 aufgab, um nach Wilmersdorf zu ziehen und sich den Luxus einer zentralbeheizten Wohnung zu gönnen.

"Die Leute sind sehr früh aufgestanden und haben bis spät abends gearbeitet", sagt Beatrice Lautenschläger, die die Interviews geführt hat. Dennoch hätten alle "mit Begeisterung" von der Vergangenheit erzählt: "Trotz der vielen Arbeit hat man sich früher offenbar mehr umeinander gekümmert." Vielleicht, weil Zeit in der Zeit der Tante-Emma-Läden keine so große Rolle spielte.

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