Domprediger : Abschied von der Kanzel

Domprediger Friedrich-Wilhelm Hünerbein geht am Sonntag in den Ruhestand.

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„Guten Morgen, Dicker!“ Wenn Friedrich-Wilhelm Hünerbein morgens durch die Straßen Berlins geht, grüßt er schon einmal seinen Arbeitsplatz. Seit dem Jahr 2000 ist der Theologe Prediger am Berliner Dom. Doch damit ist jetzt Schluss: Am 31. August hat er den Kirchenschlüssel abgegeben, und am Sonntag wird Hünerbein mit einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Noch einmal steht der 65-Jährige dann auf dem roten Teppich vor dem goldglänzenden Altar, noch einmal schaut er von der Kanzel hinab in das weite Rund des Gotteshauses, dessen Holzbänke auch diesmal gut besetzt sein werden.

Denn es ist auch ein Verdienst von Hünerbein, dass die Domgemeinde heute 1350 Mitglieder zählt. Im Jahr 1999, als die durch den Mauerbau getrennten Domgemeinden fusionierten, waren es noch 560. Heute besuchen zwischen 400 und 800 Menschen den Sonntagsgottesdienst in der „Oberpfarr- und Domkirche“ – so der offizielle Name des Gotteshauses. Dabei hätte es sich Hünerbein früher nie vorstellen können, einmal in dem wilhelminischen Prunkbau auf der Kanzel zu stehen und Sonntag für Sonntag die traditionelle lutherische Liturgie zu feiern. „Ich war wie viele andere auch gegen den Wiederaufbau des Doms“, erinnert er sich. Das war in den 80er Jahren, als Hünerbein als Pfarrer der Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg die beginnende Friedensbewegung erlebte. Später wechselte er nach Ludwigsfelde, dann in die Georgen-Parochial-Gemeinde hinter dem Roten Rathaus.

„Irgendwann hat mich der damalige Domprediger gefragt, ob ich in den Andachten mitwirken will“, sagte Hünerbein. „Da merkte ich, dass der Dom eine ganz eigene Spiritualität ausstrahlt, mit seiner Kuppel und seinem weiten Innenraum.“ Das merkten auch andere: Mittlerweile ist der Berliner Dom zu einer Art „Zentralkirche des deutschen Protestantismus“ geworden, auch wenn Hünerbein diesen Begriff ungern hört. Fast alle deutschen Bischöfe predigen hier, und schon zur Zeit des rheinischen Präses Manfred Kock wurde es Tradition, dass der jeweilige EKD-Ratsvorsitzende am Neujahrsnachmittag auf der Domkanzel steht. Oft war Hünerbein für die Vorbereitung der Gottesdienste verantwortlich. „Besonders erinnere ich mich noch an den 11. September 2001.“ Um kurz nach 18 Uhr erfuhr er von den Attentaten in New York. Sofort wurde beschlossen, um 21 Uhr einen Fürbittgottesdienst durchzuführen. Während die Medien dazu einluden und Bischof Wolfgang Huber seine Predigt schrieb, lief die Zeit. „Um fünf vor neun hatten wir die Fürbitten fertig.“

Am Sonntag in vierzehn Tagen wird Friedrich-Wilhelm Hünerbein in einer anderen Berliner Gemeinde im Gottesdienst sitzen. Wo genau, verrät er nicht. Vielleicht wird er künftig Vertretungsgottesdienste in anderen Gemeinden übernehmen, vielleicht ehrenamtlich in einer Kircheneintrittsstelle arbeiten. Vom Dom will der Theologe sich jetzt erst einmal etwas Abstand gönnen. „Die Gemeinde muss begreifen, dass ich nicht mehr ihr Pfarrer bin“, sagt er. Sein Nachfolger steht schon bereit, um im Wechsel mit Dompredigerin Petra Zimmermann die Kanzel zu erklimmen. Der aus dem Siegerland stammende Pfarrer Thomas Müller wird am 19. September in sein neues Amt als Domprediger eingeführt.Benjamin Lassiwe

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