Don-Bosco-Heim : Geschlagen und getröstet

Ein ehemaliges Heimkind der „Salesianer Don Bosco“ in Wannsee erinnert sich an Missbrauch und merkwürdige Sitten. Prügelstrafen waren nicht ungewöhnlich.

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Missbrauchtes Vertrauen. Der katholische Orden der Salesianer hat sich ebenso wie die Jesuiten der Erziehung verschrieben. Foto:...vario images

Schon die Scheidung der Eltern ist nicht einfach gewesen, er selbst war damals gerade zehn Jahre alt. Richtig schlimm wurde es aber erst, als Richard Tauber* danach ins Heim musste. Für ein Jahr waren die Räume der „Salesianer Don Bosco“ in Wannsee sein Zuhause. Schon am ersten Abend in der Heimstätte des katholischen Männerordens, erzählt Tauber, hätten ihn andere Kinder geprügelt. Jungs im rauflustigen Alter eben. Merkwürdig war nur, dass sich wenig später alle Kinder in einem der Schlafräume hätten versammeln müssen. Dort habe Tauber – „wegen Rennens auf den Fluren“ – von einem Geistlichen 15 bis 20 Schläge auf den nackten Hintern bekommen. „Unfassbar erniedrigend“, die anderen Kinder hätten zugeschaut, erzählt er. Mit „unverhohlener Freude und breitem Lächeln“ habe der sadistischste Pater des Hauses die Situation genossen. Dem Tagesspiegel ist auch der Name eines anderen Geistlichen bekannt, den Ex-Bewohner als aggressiv in Erinnerung haben.

Später einmal wird Tauber ins Zimmer des Paters gerufen. Allein. An das Vergehen, dessen er sich schuldig gemacht haben soll, könne er sich nicht mehr erinnern. An die Strafe schon: Tauber wurde mit einem Gürtel verdroschen. Doch der Pater glaubte offenbar nicht nur strafen, sondern auch trösten zu müssen: „Danach wurde man in einer vermeintlichen Geste der Barmherzigkeit ganz nah an seinen Körper gedrückt.“

In den 50er, 60er und 70er Jahren sollen Patres mehrere Jungen geschlagen, einige auch vergewaltigt haben. „Vergewaltigungen habe ich nicht mitbekommen, würde es aber sofort glauben“, sagt Tauber. Berichte wie die von Richard Tauber werden vom Orden zunächst als „glaubwürdig“ eingeschätzt. Das bestätigte Sprecherin Gabriele Merk dem Tagesspiegel. Von sechs verdächtigten Geistlichen sollen drei inzwischen verstorben sein, einer habe die Gemeinschaft verlassen. Der von Tauber genannte Pater kann heute offenbar nicht mehr befragt werden: Er lebt dem Orden zufolge aufgrund fortschreitender Demenz seit Jahren in einem Pflegeheim.

Gegen einen der Beschuldigten wurde nach Tagesspiegel-Informationen schon 1955 Strafbefehl erlassen, weil er einen Schüler mit einem Stock „körperlich misshandelt“ hatte. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Mann war dennoch bis 1964 in Wannsee tätig. Ex-Heimbewohner berichteten dem Tagesspiegel, dass in den 60er Jahren auch das Jugendamt das Haus besucht hätte. Inwiefern die Behörde es versäumt hätte, Verdächtige zu belangen, ist unklar. Der Orden bestätigte die Hinweise: „Wir versuchen, Akten einzusehen“, sagte Merk. Außerdem hat die Berliner Leitung der Salesianer mit dem Senat Kontakt aufgenommen, um in Unterlagen der damals zuständigen Behörden zu recherchieren.

Auch etwaige Vorfälle in einem 1997 geschlossenen Augsburger Schülerheim der Glaubensgemeinschaft werden geprüft. Im neuesten Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche haben sich diese Woche erstmals Opfer an den deutschen Sitz der Salesianer in München gewandt. „Wir gehen jedem Vorwurf konsequent nach“, sagte Merk. Im Interesse vieler Opfer werde man persönliche Erlebnisberichte vertraulich behandeln.

Richard Tauber will keine Rache, auch von einer Entschädigung spricht der erfolgreiche Freiberufler nicht. Vergessen hat er das eine Jahr am Wannsee aber nicht. Etwa, was passierte, wenn er aus der Dusche kam: „Am Ausgang des Waschraums mussten wir uns bücken und die Gesäßbacken zu einer sogenannten Sauberkeitskontrolle spreizen.“

Das Don-Bosco-Heim ist 2005 nach 50 Betriebsjahren wegen Geldmangels geschlossen worden. Bis 1997 wohnten dort vor allem Waisenjungen und jugendliche Straftäter, erst danach wurden auch Mädchen untergebracht.

Der Provinzial der Salesianer entschuldigte sich jetzt für alles Leid, das Menschen in Ordenshäusern zugefügt worden sein könnte. Erst kürzlich hatte der Leiter des katholischen Canisius-Kollegs in Tiergarten von Missbrauch durch Patres berichtet; auch wegen Vorfällen in anderen Häusern steht die Kirche in der Kritik.

* Name geändert

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