• Doppelmord in der Arztpraxis: Lebenslang für den Täter - Gericht: Keine verminderte Schuldfähigkeit

Berlin : Doppelmord in der Arztpraxis: Lebenslang für den Täter - Gericht: Keine verminderte Schuldfähigkeit

Peter Murakami

Als der Vorsitzende Richter Hans Boß das Urteil - Lebenslang - wegen Mordes und Totschlags verkündete, war keiner der Anwesenden überrascht. Nur Hartmut N. , der im Verlauf der Verhandlung unter Tränen versichert hatte, dass er damals nicht bewusst, sondern "in seelischer Verwirrung" getötet habe, hatte offensichtlich mit einer weniger harten Verurteilung gerechnet. Im August vergangenen Jahres hat N. seine Lebensgefährtin und eine Sprechstundenhilfe erschossen. Seit März musste er sich vor dem Landgericht verantworten.

Am Nachmittag des 26. August 1999 war der Mann in die Praxisräume eines Nervenarztes im Bezirk Prenzlauer Berg eingedrungen und hatte seine 37-jährige Geliebte Sylvia Z., die sich zuvor von ihm getrennt hatte, mit zehn Schüssen aus einer Makarov-Pistole getötet. Die 48 Jahre alte Arzthelferin Margit G., die der verletzten Frau zu Hilfe eilen wollte, wurde von Hartmut N. mit weiteren drei Schüssen niedergestreckt. Beide Frauen starben noch am Tatort.

In seiner Urteilsbegründung erklärte der Vorsitzende Richter, dass die Anwendung des Mordparagrafen die einzige angemessene Bewertungsgrundlage in diesem Fall sei, auch wenn hinsichtlich der Sprechstundenhilfe nur ein bedingter Tötungsvorsatz seitens des Angeklagten vorgelegen hätte. "Die Mitnahme der Pistole zeigt, dass Herr N. die Anwendung von Waffengewalt innerlich als letzten Ausweg akzeptiert hatte, als er in die Praxis kam."

Auch das Verhalten des Angeklagten nach der Tat sei für einen Affekttäter untypisch gewesen. Die Erinnerungslücken, die Hartmut N. immer wieder geltend gemacht habe, seien möglicherweise ein Versuch, die Tat im Nachhinein zu verdrängen. Sein Verhalten vor, während und nach der Tat sei jedenfalls situationsgerecht gewesen. Ansonsten wertete der Richter die Abgabe der Schüsse auf die beiden Frauen als einheitliche Tat, was das Verbrechen besonders verwerflich mache.

Selbst wenn er das Verbrechen als Totschlag gewertet hätte, so der Richter weiter, sei das immer noch ein besonders schwerer Fall von Totschlag, der ebenfalls mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe geahndet werden müsste. "Das sage ich Ihnen nicht zum Trost, sondern zum besseren Verständnis", belehrte er den Angeklagten. Im Hinblick auf etwaige schuldmindernde Umstände schloss sich die Kammer dem forensischen Psychiater und Gutachter Hans-Ludwig Kröber an, der bei Hartmut N. eine verminderte Schuldfähigkeit zur Tatzeit generell ausgeschlossen hatte. Im Verlauf der Verhandlung hatte der Verteidiger von N. den Sachverständigen deshalb wegen Befangenheit abgelehnt.

Während Richter Boß einerseits keine verminderte Schuldfähigkeit beim Angeklagten anerkennen mochte, wollte er auch keine besondere Schwere der Schuld feststellen, wie es Staatsanwalt Knispel in seinem Plädoyer gefordert hatte. Eine solche erschwert eine vorzeitige Entlassung von Lebenslänglichen nach 15 Jahren Haft.

Der Verteidiger von Hartmut N., Rechtsanwalt Thomas Baumeyer, zeigte sich vom Urteil gegen seinen Mandanten enttäuscht. Er hatte gehofft, dass das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit anerkennen und N. nur wegen Totschlags verurteilen würde. Der Verteidiger kündigte an, gegen die Entscheidung Revision einzulegen.

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