Doppelter Gedenktag : "Es geht um die Freiheit“

Posaunen, Rosen, Kerzen: An der Bernauer Straße gedachten Berliner und ihre Gäste gemeinsam des Mauerfalls vor 19 Jahren.

Daniela Martens
Gedenkfeier
Besucher entzünden Kerzen an der Gedenkstätte Bernauer Straße. -Foto: Peters

Manche Menschen denken in wirklich allen Situationen praktisch. Sogar, wenn sie gerade Geschichte schreiben: Am 9. November 1989 sprach der Regierende Bürgermeister Walter Momper über die neue Reiseregelung für die DDR-Bürger in der SFB-„Abendschau“. Und forderte die Ost-Berliner auf: „Bitte, wenn Sie kommen, kommen Sie mit U-und S-Bahn.“

Genau 19 Jahre später, am Sonntagmorgen, steht Momper vor dem Mauer-Denkmal an der Bernauer Straße, zitiert seine Worte von damals und schmunzelt über sich selbst – bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Mauerfalls. „So denkt man eben als Kommunalpolitiker“, entschuldigt sich Momper, heute Präsident des Abgeordnetenhauses, und lächelt. „Schließlich sind da 500 000 Menschen morgens rein und abends wieder raus.“

Doch dann wird er ernst: Heute erscheine uns die Einheit ganz selbstverständlich, aber es sei wichtig, an den 9. November zu erinnern. „Auch weil wir die Ursachen nicht vergessen dürfen. Denn Deutschland hatte durch Diktatur und Holocaust seine Freiheit verspielt.“ 1989 hätten die Deutschen jedoch „den aufrechten Gang“ gelernt, „an dem es in der deutschen Geschichte so oft gefehlt hat“. Dann zündet Momper eine lange weiße Kerze an und steckt sie in einen der mit Sand gefüllten Kästen vor dem Denkmal. Seine Zuhörer reihen sich in eine Schlange, um es ihm nachzutun. „Es geht um die Erleuchtung“, sagt dabei ein älterer Mann mit einer Kerze in der Hand. Ein paar Minuten später flackern viele Flammen im Novemberwind.

Auch 200 norwegische Jugendliche, die als Reisegruppe nach Berlin gekommen sind, zünden Kerzen an. Wann genau die Mauer denn nun gestanden hat, kann eine der 15-Jährigen aber nicht sagen. Ihre Lehrerin, Inger Skaare, wirkt ergriffen: „Schließlich geht es um Freiheit – das betrifft jeden Menschen, egal, wo er lebt.“

Um die Ecke, an der Hinterlandmauer, hatte schon früher an diesem Morgen ein Bläserquartett an den Mauerfall erinnert. Über Lautsprecher war eine Tonband-Radioaufnahme vom 9. November 1989 zu hören: „Wahnsinn, wir sind hier, des gibt’s gar nüsch, Wahnsinn“ – die Stimme eines jungen Sachsen, kurz nachdem er über die Grenze gekommen war.

Danach schmücken mehrere hundert Menschen die Mauer mit Rosen. Die 53-jährige Andrea Grabow, Touristin aus Bayern, sieht darin „ein Symbol für die Hoffnung, dass die Zerrissenheit zwischen den beiden Landesteilen bald überwuchert“ werde. Sie selbst steckt ein buntes Herbstblatt zwischen die Rosen.

Der Wind wird immer stärker, es beginnt zu regnen. Doch rund 20 Menschen lassen sich nicht davon einschüchtern und brechen um 12 Uhr zu einer Führung entlang der Bernauer Straße auf. Eine 80-jährige Bewohnerin des nahen Lazarus-Stifts schiebt ihren Gehwagen energisch voran: Die Ost-Berlinerin feiert wie jedes Jahr, dass „ich den Fall der Mauer noch erleben durfte“. Der 14-jährige Sören aus Hamburg hat am historischen 9. November Geburtstag, und seine Eltern sind deshalb mit ihm hergekommen. „Man möchte ja doch mal gucken, was da alles passiert ist“, sagt Sören zufrieden.

Es regnet immer stärker, um 13 Uhr sind die Gedenkkerzen längst verlöscht. Am Denkmal stehen nur noch zwei Frauen Ende 40. Eine zündet einige Lichter wieder an. „Ich bin so dankbar, dass meine Kinder in eine bessere Welt hineingeboren worden sind“, sagt sie und erzählt, wie sie vor 19 Jahren in der Nacht an der Bornholmer Straße dabei war. In den Westen ist die Frau aus Prenzlauer Berg dann aber doch erst am 10. November gefahren – mit der U-Bahn, wie Momper es sich gewünscht hatte.

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