Berlin : Doppelter Johannes Rau beim Festakt in Tempelhof

Annette Kögel

So aufgeregt war Johannes Rau schon lange nicht mehr. Die Hände suchen Halt am Stuhl, der Blick schweift über die vielen Leute im Saal. Der Puls legt zu - schließlich trifft man nicht alle Tage einen so prominenten Namensvetter. Johannes ist 1,60 Meter groß, geht in die 7. Klasse, stammt aus Kasachstan und lernt seit einem Jahr an der der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Tempelhof. Seinen Namensvetter lernte der 14-Jährige gestern beim Festakt zum 25-jährigen Bestehens seiner Schule kennen. Der Bundespräsident war mit seiner Ehefrau am Montag auch zum Deutschlandradio-Schulklassengespräch in die Waldsassener Straße 62 nach Marienfelde gekommen.

"Das war das erste Gespräch, bei dem ich so viele Mikrofone vor mir hatte wie bei einer Pressekonferenz", bilanzierte Radiomoderator Ulf Damman. Das geballte Interesse der Medien sind Lehrer und Schüler an der Gesamtschule mit ihrem ganz und gar nicht öffentlichkeitsscheuen Direktor Karl Pentzliehn gewohnt. Willy Brandt und Richard von Weizsäcker, Heinz Galinski und Karlheinz Böhm, Fritz Pleitgen und Ingeborg Drewitz, Reinhard Furrer und Otto Schily - sie alle stellten sich schon den Fragen von Heinemann-Schülern. Der 68-jährige Rau, dreifache Vater, fand das Gespräch als "sehr erfreulich" - obwohl er "bei manchen Antworten ein wenig länger ausholen" musste.

"Soweit uns bekannt ist, haben Sie das Gymnasium nicht beendet. Wenn Sie es getan hätten, wären Sie auch Bundespräsident geworden?" wollte die 18-jährige Suky Kishauer wissen. Anlass für Rau, aus Kriegszeiten zu berichten, als seine Schule zerbombt wurde. Nein, wenn er Abi gemacht hätte, wäre Rau jetzt sicher nicht erster Mann im Staate: "Dann hätte ich gern Theologie studiert, und es gab noch keinen Bundespräsidenten mit einem solchen Werdegang."

Gustav Heinemann, Raus Idol und politischer Ziehvater sowie Großvater seiner Frau Christina, "war ganz im Gegensatz zu mir ein guter Schüler". Den Namenspatron der Schule schätze er auch wegen seiner Glaubwürdigkeit: "Sagen, was man tut, und tun, was man sagt." Was er konkret in seinem Amt bewirken könne, wollten die Schüler wissen. Er habe da nur "kleine Möglichkeiten", stapelte Johannes Rau tief. "Ob meine Reden etwas bewirken, das kann ich selbst nicht bemessen." Und dann plauderte der Bundespräsident aus dem politischen Alltag. Nein, Redemanuskripte lege er der Bundesregierung keineswegs zur Kontrolle vor. Treffen mit Menschen wolle er nicht für die Öffentlichkeit inszenieren - oder vielleicht doch: Wenn das Gesetz zur doppelten Staatsbürgerschaft greife, möchte er junge ausländische Deutsche zu sich einladen, um Zeichen zu setzen. Patriotismus, nicht Nationalismus wünsche er sich von der Jugend, und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. "Fremdheit führt mitunter über Angst und Hass zu Gewalt. Sie kann aber auch über Neugier zur Vielfalt führen." Den neuen Botschafter Weißrusslands, so plauderte Rau weiter aus dem Nähkästchen, wollte er wegen aktueller Vorfälle erst gar nicht empfangen. Aber im Gespräch und "unter vier Augen" hoffe er doch, etwas zu bewirken.

In der Schülerrunde ging es nicht nur ums Politische. Was dem Ehepaar Rau das Tragen der Eheringe von Gustav und Hilda Heinemann bedeute, wollte jemand wissen, und erfuhr beiläufig, dass der dritte deutsche Bundespräsident seine Ring-Initialien "G W H" gern mit "Gustav will Hilda" übersetzte. "Ganz lustig" fand die 13-jährige Sonja den Gast, und die 18-jährige Suky hatte eigentlich "so einen alten Bundespräsidenten" erwartet, aber dann einen "netten und sympatischen Mann" kennengelernt.

Rau war wohl der höchste, aber nicht der einzige Gast. Neben Gesamtschulvätern der ersten Stunde gratulierten der als "hervorragend" gewürdigten Schule auch Senatorin Ingrid Stahmer, Bezirksbürgermeister Dieter Hapel und Publizist Manfred Rexin. Zudem waren Vertreter der Partnerschulen aus Schweden, Polen und sogar Australien zur Feier des Tages erschienen, bei der unter anderem eine Heinemann-Karikatur-Ausstellung gezeigt wurde und Lehrer wie Schüler ein unterhaltsames Rahmenprogramm boten. Nun: Heinemann-Gesamtschüler gehören eben nicht zu jenen von Rau kritisierten Jugendlichen, "bei denen Schulterzucken noch die lebhafteste Bewegung ist".

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