Berlin : Doris Schroen (Geb. 1919)

Politische Arbeit hatte ihr Mann ihr erlaubt.

Thomas Loy

Die Freundinnen von der Liga für Menschenrechte horchen in sich hinein. Doris, ihre Doris, soll als Avon-Beraterin mit Schminkköfferchen unterwegs gewesen sein? „Das passt gar nicht zu ihr.“

Doris rechnete wohl mit einer kritischen Reaktion und behielt diese Episode ihres Lebens lieber für sich. Werner, ihrem Ehemann, hat sie auch nichts erzählt. Komplizin war allein die Tochter: „Wenn es klingelt, gehst du an die Tür und bringst das Paket gleich in dein Zimmer.“ Werner ahnte nichts von der kurzen Affäre mit Avon.

So verhielt es sich auch mit anderen Liebschaften. Es gab ein paar, nicht viele.

Doris lebte bescheiden.

Sie lernte Werner auf einer Reise kennen. Eigentlich gerieten sie im Streit aneinander, Werner rief: „Mit Ihnen möchte ich nicht verheiratet sein“, Doris erwiderte: „Ich mit Ihnen auch nicht.“ Immerhin war man sich in dieser Frage schnell einig. Der Kontakt bot außerdem Gelegenheit für eine nonverbale Musterung, die gar nicht mal schlecht ausfiel. Doris wollte Kinder, suchte seit längerem einen möglichen Vater, aber nach dem Krieg herrschte Mangel an Kandidaten. Zudem vermutete Doris, Werner sei viel jünger als sie. „Den krieg’ ich doch nicht.“ Aber er sah nur jünger aus, und sie kriegte ihn doch. Die Zeit drängte. Doris war 35, als sie schwanger wurde. Darauf folgte einvernehmlich die Hochzeit.

Werner war der Meinung, eine Frau sollte nicht arbeiten gehen, also blieb Doris zu Hause und umsorgte das Kind. Als es größer wurde, dauerte das Umsorgen nicht mehr den ganzen Tag. Frauenzeitschriften fand Doris langweilig, zum Nähen hatte sie keine Lust, Kochen machte ihr auch keinen Spaß, die Kartoffeln ließ sie immer weg, wegen der lästigen Schälerei, also gab es nur Fleisch und Salat. Einmal am Tag rief sie ihre Mutter an, um Neuigkeiten aus dem immergleichen Alltag zu berichten. Das Gespräch nahm in der Regel eine halbe Stunde in Anspruch, war aber auch eher eine Pflicht als pure Lust.

Zum Glück gab es Opern und Konzerte. Da gingen Werner und Doris gemeinsam hin. Und es gab die SPD. Politische Arbeit hatte Werner erlaubt. Doris trat in die Arbeiterwohlfahrt ein, in die Liga für Menschenrechte und in 13 weitere sozial wirkende Gesellschaften. Das kannte sie so von früher. Ihr Vater hatte einen Hilfsverein für Arbeitslose geleitet und im März 1933 vor einem Wahllokal gestanden mit einem Schild vor der Brust: „Wählt SPD.“ Später hielt er sich politisch bedeckt, und die Familie blieb von Verfolgung verschont. Allerdings träumte Doris immer wieder den gleichen bösen Traum, dass zwei schwarz gekleidete Männer an ihrem Bett standen, um sie mitzunehmen.

Doris war als Jugendliche schüchtern, unsicher und ängstlich. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, einem Erwachsenen zu widersprechen. Sie spürte, dass auch ihre Eltern Angst hatten. Wie die meisten Mädchen ging sie nach der Volksschule zur Hauswirtschaftsschule, danach bestimmte der Vater, sie solle Schneiderin lernen. Im Krieg arbeitete sie bei der Post. Sie wollte immer Bibliothekarin werden, aber sie hatte ja nur den Volksschulabschluss. Auswendiglernen konnte Doris gut, ganz ohne den Verstand zu bemühen, aber das Lösen von Rechenaufgaben fiel ihr schwer.

Viel später, Doris ist schon 55, wird sie Bibliothekarin. Im Franz-Neumann-Archiv suchen sie eine Hilfskraft zum Erstellen von Findbüchern. Doris liest die Anzeige und ist aufgeregt. Den SPD-Politiker Franz Neumann hat sie schon als Kind kennengelernt. Der wohnte bei ihnen in der „Freien Scholle“ in Tegel. Sie bekommt die Stelle, die erste, in der sie sich wirklich wohlfühlt. Als das Archiv nicht mehr genug Geld hat, um sie zu bezahlen, arbeitet sie ehrenamtlich weiter.

Doris wird Zeitzeugin, Spezialistin fürs Alltagsleben unter den Nazis und den Bomben der Alliierten. Sie tritt im Radio auf, wird mutiger und selbstbewusster. Neben Franz Neumann hält sie große Stücke auf Willy Brandt. Sechs Brandt-Biografien stehen Rücken an Rücken in ihrem Regal. In den neunziger Jahren sucht sie ihre jüdische Freundin Esther, die 1939 nach Schanghai geflüchtet war. Im Krieg hatten sie korrespondiert, die Briefe waren vier Wochen unterwegs, mit der Eisenbahn durch ganz Sibirien. Nach dem deutschen Angriff auf Russland brach der Kontakt ab. Über ein halbes Jahrhundert später meldete sich Esther aus Kalifornien – Doris hatte in einer Exilzeitung eine Suchanzeige aufgegeben. Der Briefwechsel zwischen den beiden liegt jetzt im Archiv des Berliner Jüdischen Museums.

Ein Schlaganfall beengt Doris’ Kreise. Sie bleibt zu Hause, wartet darauf, dass jemand zu Besuch kommt. Immer öfter klingelt ein Mann vom Paketdienst, bringt große Schachteln mit Blusen, Kostümen und Hosenanzügen, in Seidenpapier verpackt. Stoffe in Weiß, Helllila und Grün. Doris begutachtet die tadellos genähten Kleider und hängt sie zu den anderen in den Schrank. Sie ordert in größeren Mengen, bei „Walbusch“ und „Der goldene Schnitt“, vergisst, was sie bestellt hat, schickt aber nichts zurück. Eine Kleidersammlung entsteht, verborgen in zwei großen Schränken, Ausstattung für fast ein ganzes Leben. Thomas Loy

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