Berlin : Doris Unger (Geb. 1941)

Wenn die Wellen rauschen, muss nichts weiter los sein

Christina Spitzmüller

Von der Kaltmamsell an der Ostsee ins Büro des Energieministeriums: Doris Unger hat die großen Schritte ihrer Karriere in der DDR gemacht. In Berlin hatte sie eine Kochausbildung absolviert und arbeitete in der Feriensaison als Kaltmamsell in Rostock. An einem Sommertag des Jahres 1962, im Zug zurück nach Berlin, sitzt ihr dieser Seemann gegenüber und bietet ihr eine Zigarette an. Als sie in Berlin ankommen, sind die beiden ineinander verliebt. Im November heiraten sie, sechs Monate später kommt die erste Tochter zur Welt.

Der Mann fährt noch zwei Jahre zur See, dann arbeitet er als Maurer in Berlin. Nach der Geburt der zweiten Tochter arbeitet Doris als Küchen- und Wirtschaftsleiterin in einem Kinderheim. Sie ist eine, die gut organisieren kann, und so gelangt sie in den Achtzigern ins „Ministerium für Kohle und Energie“. Was sie dort können muss, bringt sie sich selbst bei. Sie ist zuverlässig, arbeitet gut und viel. Oft ist sie mit Delegationen bei Abendveranstaltungen unterwegs und muss das Protokoll führen.

Eine Besuchergruppe aus China schenkt ihr als Dankeschön einen Seidenstoff, roséfarben. So etwas gibt es in der DDR nicht. Doris lässt sich daraus ein Kostüm schneidern. Sie trägt es mit Stolz.

Es kommt die Wende – und Doris bleibt; ihre Arbeitsstelle heißt jetzt nur anders: „Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“. Über eine Empfehlung landet sie bei den „Vereinigten Energiewerken“. Dort brauchen sie Leute, um im Osten Fuß zu fassen, und Doris kennt sich in der Energiewirtschaft der neuen Bundesländer aus. Eine mit ihren Erfahrungen fragt niemand, welchen Beruf sie mal gelernt hat. Die Energiewerke gehören irgendwann zu „Vattenfall“ – und Doris bleibt. Sie arbeitet am Ende in der Stabsabteilung für Führungskräfte und kümmert sich ums Personal.

Wenn sie am Abend nach Hause kommt, ist es vorbei mit der Ruhe in der Familie. Sie muss erzählen, was sie erlebt hat, immer sprudelt es aus ihr heraus. Ein Energiebündel. Nie kann sie still sitzen, immer gibt es irgendwas zu tun, am Wochenende Pilze sammeln in Brandenburg, spazieren im Park, den großen Garten in Pankow in Ordnung halten. Dem Nachbarn erklärt sie, wie er seine Tomaten pflegen muss.

Nur an der Ostsee, da gibt es nichts zu tun. Jedes Jahr fahren sie dorthin. In der DDR-Zeit immer für drei Wochen in den Sommerferien; ihr Mann hat da Beziehungen. Später kaufen sie sich eine Eigentumswohnung in Graal-Müritz.

Am Meer kommt Doris zur Ruhe. Am Strand kann sie lesen oder auch mal gar nichts tun. Wenn die Wellen rauschen, muss nichts weiter los sein.

Mit 60 geht Doris in Rente. Und arbeitet auf 450-Euro-Basis weiter für ihre Chefin bei „Vattenfall“, Juliane Freifrau von Friesen. Als die 2001 Wirtschaftssenatorin wird, nimmt sie Doris als Assistentin mit: Sie sortiert Briefe, regelt Termine. Die Abläufe kennt sie aus ihrer früheren Arbeit beim Ministerium.

Sie arbeitet, bis es wegen des Krebses nicht mehr geht. Da ist sie 73. Was ihr bis zum Schluss noch bleibt, das ist die Ostsee. Da will Doris auch ihre letzte Ruhe finden. Bei der Seebestattung im Januar ist es allerdings stürmisch, es schneit, die Wellen sind hoch. Das passt zu ihr.

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