Berlin : Dorothea Hanke (Geb. 1921)

An ihrem Schreibtisch empfing sie auch Verehrer, famose Männer.

Thomas Loy

Dorchen und Heinz, das Traumpaar im Kinohimmel. So was wie Karlheinz Böhm und Romy Schneider. Er eine perfekte Besetzung aus dem Fach Jugendlicher Held und Liebhaber, sie die unschuldig lächelnde Schönheit vom Land, mit blonden Locken und blauen Augen, bewährt als Mirandolina in Goldonis Komödie, aber auch als frommes Gretchen.

Gab es diesen Traum? Auf den Fotos aus den vierziger Jahren ist er deutlich zu sehen. Erzählt hat sie davon nie.

Dorchen und Heinz fanden zusammen, blieben aber unentdeckt. Eine folgenlose Romanze. Geheiratet hat Dorchen einen anderen Schauspieler, einen aus dem Fach „Einsamer Denker und Stratege“. Der neigte zu cholerischen Ausbrüchen, die das Fundament ihrer Beziehung schwer erschütterten. Trost boten Herren aus dem Liebhaber-Fach. Von einem wurde Dorchen schwanger. Ihre Freundin Käthe half ihr abzutreiben. Die Ehe ging trotzdem zu Bruch.

Nach der Scheidung lief es beruflich nicht mehr gut für Dorchen. Ihr Ex, Intendant der Tribüne, war auch ihr Arbeitgeber. Ein neues Engagement musste her, eins, von dem sie dauerhaft die Miete zahlen konnte. Der Rias suchte eine Sekretärin für den Hörspieldirektor. Sekretärin hatte Dorchen mal gelernt, bevor sie auf die Schauspielschule ging. Diese Rolle war maßgeschneidert.

Nun also schon morgens in die Maske, Bluse und Rock auf korrekten Sitz prüfen und mit dem Bus in den Sender. Dort nahm sie ihren Platz ein, hinterm Schreibtisch im Vorzimmer von „Oberspielleiter Korngiebel“, später im „Besetzungsbüro der Abteilung Wortproduktion“. Dorchen rief die Schauspieler an, die eine Sprechrolle erhalten sollten. Wenn einer zusagte, schrieb sie seinen Namen ins große Produktionsbuch und dahinter „kt“ für „kommt“. Stand hinter jedem Namen ein „kt“, erhielt das Projekt ein finales Kreuz in Rot. Damit war planerisch alles ins Werk gesetzt.

An ihrem Schreibtisch empfing sie auch Verehrer, die Sekt und Blumen brachten, famose Männer mit Ausstrahlung, wie Heinz. Die Kollegen brannten darauf, Näheres zu erfahren über Absichten und Umstände, aber Dorchen behielt Privates für sich. Eigentlich hatte sie gar kein Privatleben, weil sie doch immer im Sender war, auf der Bühne, mitten im Geschehen, manchmal bis spät in die Nacht, denn viele Schauspieler kamen ja erst nach den Abendvorstellungen. Nachts um Zwei war Aufnahmeschluss, dann zog die Mannschaft noch zu „Nutten-Paule“ in die Augsburger Straße, und Dorchen zog mit, weil sie eben dazugehörte, auch wenn sie das feuchtschwüle Kneipenklima nicht ausstehen konnte.

Offiziell war für Dorchen um 17 Uhr Feierabend. Da wachte die Gewerkschaft drüber. Dorchen ging also Richtung Vordereingang, verabschiedete sich vom Pförtner, lief ums Haus und schlüpfte am Hintereingang wieder hinein.

Ein Foto zeigt sie in einer typischen Boulevardkomödienszene: Die Sekretärin, eine zurechtgemachte Dame mit festem Blick, hält ohne erkennbare Gereiztheit zwei Telefonhörer an ihre Wangen. Keine Inszenierung, so war das, versichert Dorchens ehemaliger Chef. In Boulevardkomödien ist immer der Teufel los. Türenschlagen, Auftritte in schneller Folge, Rufen, schnell zündende Pointen. „Das Besetzungsbüro“ mit Dorchen in der Hauptrolle hätte ein Kassenschlager werden können.

Zum Beispiel die Sache mit dem Hörspiel um Golda Meir, die israelische Premierministerin. Dorchen hatte wieder Manuskripte an die Schauspieler verschickt, und am Tag der Aufnahme erschien eine völlig verzweifelte Frau mit Piepsstimme, die nun Golda Meir sprechen sollte, die „Eiserne Dame“ der israelischen Politik. Sie habe gar nicht schlafen können, der viele Text und diese großformatige Rolle. Dorchen, so stellte sich bald heraus, hatte in der Besetzungsliste zwei Namen vertauscht. Was für ein Fehler! Sie war erschüttert.

Boulevardtauglich war auch Dorchens Großzügigkeit in Verbindung mit einer chronischen Geldknappheit. Sie spendete – dem Tierschutzverein, der Kriegsgräberfürsorge und den Nachbarsjungen, die unter ihrem Bürofenster standen und warteten, bis sie ein paar Münzen in Papier wickelte und aus dem Fenster warf. „Sozialhure!“, zürnte ihr Chef.

Nach Dienstschluss, wenn es nicht mehr durch die Kneipen ging, warteten ihre beiden Tanten auf sie, Lisa und Rosa, mit denen sie zusammenlebte, und Kater Ernie, der sich sanktionsfrei alle Tollheiten erlauben durfte. Als Ernie starb, sandte Dorchen seine Überreste zur Einäscherung nach Holland. Er kehrte zurück in einer schönen Urne.

Dorchen bot auch der „Hörspielmaus“ übers Wochenende ein Asyl. Die Maus, von der niemand weiß, wer sie im Besetzungsbüro einst vergessen hatte, gehörte wie alle anderen zur Familie, und Dorchen, die ja keine Kinder hatte, übernahm die Mutterrolle. Die Maus erhielt den Namen ihres Lieblingsonkels: Bruno.

Jeder in Dorchens Familie hatte seine Aufgaben zu erfüllen. Die Regisseure führten Regie, die Schauspieler spielten, die Tontechniker regelten, und Dorchen kümmerte sich um den Rest. Abweichungen von der Norm, wenn mal ein Regieassistent Regie führte, beargwöhnte sie zutiefst: „Das kann ja nichts werden.“

Wenn ihr ein Mann die Tür öffnete, ging sie mit leisem Lächeln hindurch und bedankte sich. Öffnete eine Frau, noch dazu eine jüngere, wurde sie bissig. „Aber Mädchen, schmeiß mir doch nicht immer mein hohes Alter vor.“

Die Haare. Hauptsache, die Haare lagen so schön wassergewellt wie frisch vom Friseur. Auf die Haare achtete Dorchen noch, als der Großteil der Welt, in der sie gelebt hatte, in ihrem Kopf schon gelöscht war. Thomas Loy

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