Berlin : Dorothea Mahnkopf (Geb. 1913)

Sie gab der Stadt verlorenen Glanz zurück.

Andrea Kambartel

Ein großes Schwarzweißfoto aus den frühen fünfziger Jahren zeigt Dorothea mit der Goldelse. Beide richten ihren Blick nach unten, die Siegesgöttin voller Zuversicht auf die Stadt, Dorothea lächelnd in die Kamera. Sie streicht sich die wehenden Haare aus dem Gesicht, während die andere Hand locker auf dem Gerüst ruht. Das Kostüm, das sie trägt, ist elegant, das Bild wirkt wie die Aufnahme aus einem Modemagazin. Sie steht da, knapp 60 Meter in der Höhe. Die Tochter sagt, Dorothea sei auf alle Gerüste geklettert. Und habe vor beinahe nichts Angst gehabt.

Mit Ende zwanzig entscheidet Dorothea sich für die Lehre im Familienbetrieb, der „Vergolderei Förster“ in der Bismarckstraße, Berlin Charlottenburg. In Deutschland herrscht Krieg, das Elternhaus in der Nähe des kleinen Ladengeschäfts existiert nicht mehr, die Familie wohnt in Werder an der Havel. Jeden Morgen bricht Dorothea mit ihrem Vater nach Berlin auf und kehrt erst spät am Abend zurück. Auf den langen Fußmärschen lehrt er sie die Theorie der Vergoldung und erklärt ihr die wirtschaftlichen Strukturen des Geschäfts. Dann wird der Betrieb geschlossen, vorübergehend: Vergoldungen sind in Deutschland momentan nicht gefragt.

Als Dorothea 1946 die Türen des Ladengeschäfts wieder öffnet, ist der Vater tot. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans, der von ihr das Handwerk erlernt, baut sie den Betrieb wieder auf. Die Neuvergoldung der Siegessäule ist einer von vielen Aufträgen in der Nachkriegszeit, die der Stadt ein Stück ihres verlorenen Glanzes zurückgeben. Neben Arbeiten am Charlottenburger Schloss und der Wiederherstellung kostbarer Hotelinterieurs werden vor allem Kirchenkreuze und Bilderrahmen mit Gold versehen.

Am Tage sieht sich das Ehepaar Mahnkopf in den folgenden zwei Jahrzehnten selten. Während er am liebsten in der Stille der Werkstatt arbeitet, steht sie hinter der kleinen Ladentheke und plaudert mit Kunden oder begutachtet Bauvergoldungen vor Ort. Sie genießt es, wenn Künstler vorbeikommen, Otto Eglau, Karl Schmidt-Rottluff Emil Schumacher, die nicht selten bei einer Tasse Tee den eigentlichen Grund ihres Besuchs vergessen, die Bestellung eines Rahmens. Manchmal schenken sie ihr eine Zeichnung oder ein kleines Gemälde, die sie dann sorgsam an die Wand hinter der Ladentheke hängt.

Selten erlaubt sich Dorothea einen Besuch in der Deutschen Oper. Sie besteht darauf, dass ihr Mann sie begleitet, auch wenn er immer an ihrer Seite einschläft. In den großen Ferien verreist das Ehepaar mit den beiden Töchtern. Dorothea liebt die Natur, die Ausflüge in die Berge und vor allem das Wasser. Auf dem Gardasee steht sie zum ersten Mal auf Wasserskiern. Da ist sie 45 Jahre alt.

Als die Kinder aus dem Haus sind, verkaufen die Mahnkopfs den Betrieb und kehren der Stadt den Rücken. Sie ziehen in ein großes Bauernhaus am Tegernsee, dessen Garten sich an das schilfbewachsene Ufer schmiegt. Und ausgerechnet hier, in der Idylle, begegnet Dorothea einer Angst, die sie zuvor nicht kannte: Sie soll kochen. In Berlin war dafür das Hauspersonal zuständig, jetzt wünscht sich ihr Mann von ihr die warmen Speisen. Sie setzt all ihren Charme ein, ihn zum Restaurantbesuch zu überreden. Oft gibt er nach – aber manchmal lehnt er ab, verharrt mit einem Lächeln in seinem Sessel, während Dorothea mit dem Telefon in der Küche verschwindet und mit der geduldigen Hilfe ihrer Schwester sein Lieblingsgericht zubereitet: Königsberger Klopse.

1989 stirbt ihr Mann. Es ist wie der erste Riss in einer Vergoldung, der den makellosen Glanz zerstört, unaufhaltsam. Mit jedem Versuch Dorotheas, den Riss zu reparieren, sich abzulenken, setzt er sich in feinen Äderchen fort. Nach einem Oberschenkelhalsbruch muss sie aus dem Haus am Tegernsee ausziehen. Damit sie in der geliebten Natur bleiben kann, bringen die Töchter sie in einem nahe gelegenen Pflegeheim unter. Aber Dorothea findet sich dort nicht ein, klagt über die Enge des kleinen Zimmers. Primitiv sei es, schimpft sie.

Als am Kurfürstendamm ein luxuriöses Pflegeheim eröffnet wird, beschließen ihre Töchter, sie zurück nach Berlin zu holen. Bis heute sind sie sich nicht sicher, ob der Geist ihrer Mutter jemals in die Stadt heimgekehrt ist. Dorothea leidet unter der Einsamkeit, sie begegnet ihr mit dem Verlust ihrer Erinnerung an die glückliche, gemeinsame Zeit.

Seit Anfang Dezember des vergangenen Jahres spricht Dorothea mit niemandem mehr, von einem Tag auf den anderen. Auch nicht mit dem Krankenpfleger, dem es bis zu diesem Zeitpunkt selbst in ihren trotzigsten Momenten immer gelungen war, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. In den frühen Morgenstunden des 12. Dezember stirbt sie. 2100 Meter von der Siegessäule entfernt. Andrea Kambartel

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