Berlin : „Dort ist euer Feind“

Als Oberkommandierender der Alliierten im ersten Irakkrieg wurde General Schwarzkopf weltberühmt. Seine ersten militärischen Sporen aber hatte er sich als junger Leutnant in der Berlin Brigade erworben

Andreas Conrad

Den Sowjetsektor hatte der Spähtrupp ohne Probleme durchs Brandenburger Tor betreten, erstaunlich in so einer Nacht. Mit je zwei Soldaten besetzt, rollten die beiden Limousinen der US-Armee die Linden hinunter. Schon bald drangen das Dröhnen von Panzermotoren, das Rasseln von Ketten herüber. Es war eine der letzten Aprilnächte 1960. Den 1. Mai würden Rote Armee und NVA wie gewohnt mit einem Aufmarsch auf dem Marx-Engels-Platz, dem heutigen Schlossplatz, begehen, der um drei Uhr nachts geprobt wurde. Die Aufgabe der Aufklärer war klar umrissen: Ausspähen neuer Militärtechnik. Den Befehl hatte ein Leutnant, der im Juni 1959 nach Berlin versetzt worden war. Sein Name wurde gut drei Jahrzehnte später weltberühmt: Norman Schwarzkopf, Oberkommandierender der Alliierten im Irak-Krieg 1991.

Eigentlich war die nächtliche Fahrt ein Routineauftrag, aber was bedeutete das schon in der Frontstadt Berlin. Waffen hatten die US-Soldaten nicht dabei, offenbar auch keinen Stadtplan. So kam, was nie passieren durfte: „Als wir am Marx-Engels-Platz ankamen, bogen wir falsch ab und fanden uns mitten in der Parade wieder. Wir fuhren direkt an der Tribüne vorbei, unsere beiden Armeelimousinen mitten unter sowjetischen Raketenwerfern und Tanks.“ Wütend, die Waffen schwenkend, rannten ostdeutsche und sowjetische Soldaten hinter den Wagen her, da kam als Rettung die nächste Kreuzung. Mit kreischenden Reifen bog die Patrouille um die Ecke – gerettet.

Für zwei Jahre hatte man den 24-jährigen Norman Schwarzkopf von Fort Campbell, Kentucky, nach Berlin kommandiert. Er war darüber begeistert. Für einen ehrgeizigen jungen Offizier schien die Stadt ideal, um Erfahrungen zu sammeln und sich zu bewähren. Bereits die Versetzung zur Berlin Brigade war eine Auszeichnung. Sogar die Mannschaftsdienstgrade wurden sorgfältig gefiltert, der kleinste Fleck in der Personalakte, die geringste Verfehlung, und man war draußen. „Die Armee wollte das Pulverfass nicht aus Versehen zur Explosion bringen“, schreibt Schwarzkopf in seiner Autobiografie, ein gerade damals zutreffendes Bild: November 1958 hatte Chruschtschow vergeblich versucht, die Westmächte per Ultimatum zum Abzug zu zwingen. Als Schwarzkopf in Berlin ankam, war die Frist gerade verstrichen. Eine Woche, nachdem er wieder abkommandiert worden war, kam die Mauer.

In dieser Dauerkrise, doch auch angesichts des Kontrasts zwischen florierendem Westen und tristem Osten der Stadt war die Motivierung der Männer einfach. „Ich habe sie nur mit zur Grenze genommen, auf Ostdeutsche und Sowjets gezeigt und gesagt: ,Dort ist euer Feind.’“ Anfangs fuhr Schwarzkopf Streife an der Grenze, marschierte in zahllosen Paraden mit, schob Wache im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis, wo neben Hitlers Stellvertreter Hess noch sein Architekt Speer und Reichsjugendführer von Schirach saßen. Regelmäßig wurden Taktiken gegen Aufruhr trainiert – aus Sorge, Provokateure könnten in West-Berlin Unruhen auslösen und so den Sowjets einen Vorwand zum Einmarsch geben.

Nach drei Monaten wurde Schwarzkopf mit dem Befehl über die Aufklärungseinheit der Berlin Brigade betraut, 75 handverlesene Soldaten, die ostdeutsche und sowjetische Truppen in Ost-Berlin beobachten sollten. Nur mit Funkgeräten ausgerüstet, streiften je zwei Limousinen mit vier Mann durch den Ostteil der Stadt, um auf „Flag Tours“ Informationen zu sammeln oder auch nur Präsenz zu demonstrieren.

Selbst Schwarzkopf erschien das Ritual des Grenzübertritts surreal. Als Organe eines von den USA nicht anerkannten Staates waren die ostdeutschen Grenzer zu ignorieren. Sogar bei geschlossener Schranke oder wenn sich ein Grenzer den Amerikanern in den Weg stellte, fuhren diese langsam weiter, stur geradeaus blickend. Manches Mal hatte man auf sie angelegt. Stoßgebete wurden zum Himmel gesandt, dass die Gegenseite die Besatzungsregeln respektieren möge und nicht Maschinengewehrsalven das Heckfenster zerlöcherten.

Schon als Führer der Aufklärungseinheit durfte sich Schwarzkopf der militärischen Elite zugehörig fühlen: „Waffen der Aufklärer – Beste Waffenkammer in der Kampfgruppe“, stand an der Tür ihres Waffendepots. Im zweiten Jahr seiner Berliner Zeit stieg er noch einmal auf und wurde Adjutant des Kommandeurs der Berlin Brigade, General Charles E. Johnson III. Die neue Aufgabe, eine hohe Schule der militärischen Diplomatie, war kaum weniger spannend. „Ich lernte eine Menge über die Flexibilität, Geduld und Professionalität, die von einem General in einer internationalen Arena gefordert sind“, schreibt Schwarzkopf, erinnert sich auch an eine Episode mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Der hatte den General für eine Kundgebung um Armeezelte und Soldaten zum Auf- und Abbau gebeten. Als Kommandeur einer Besatzungsarmee hätte Johnson einfach erwidern können: „Scheren Sie sich zum Teufel!“ Mit Rücksicht auf Brandts internationales Ansehen aber habe er nur höflich abgelehnt und darauf hingewiesen, er sei nicht befugt, das Geld amerikanischer Steuerzahler so zu verwenden.

Schwarzkopf war für den Terminkalender des Generals verantwortlich, begleitete ihn bei allen öffentlichen Auftritten. Der junge Leutnant konnte auch als Dolmetscher dienen, er beherrschte die deutsche Sprache mittlerweile fast perfekt. Mit seiner Freundin unterhielt er sich nur noch auf Deutsch, und war er nicht in Uniform, hatten Einheimische Mühe, ihn als Amerikaner zu erkennen. Zumal, wenn er sich für seine Spaziergänge durch den Grunewald, samt Besuch der Ausflugslokale, fein gemacht hatte: neben sich Troll, den Deutschen Schäferhund, dazu gekleidet in ein Tweedjackett – und Lederhosen. Immerhin: kein Tirolerhut.

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