Berlin : Drahtseilakt überm Minenfeld

Eberhard Diepgen diskutiert die nationale Frage, das Geld und die Rolle Berlins

Thomas Loy

Ob er denn auch Fluchthelfer gewesen sei, wollte ein Zuhörer in Latzhose und Turnschuhen wissen. Es gebe da Informationen, dass er, Eberhard Diepgen, Tunnel in den Osten gebuddelt habe . Quasi als frühe Vorleistung für das spätere Verschmelzen der beiden Stadthälften, für das er ja ohnehin in die Geschichtsbücher eingehen werde. Diepgen, nun doch ein wenig gerührt, antwortet: Wenn er Tunnel gebaut hätte, würde er gewiss mit Stolz dazu stehen. Nur leider kann er sich beim besten Willen nicht erinnern.

Es war ein Heimspiel für den ehemaligen Regierenden. „Wir hätten sie wiedergewählt", sagte Ursula Popiolek von der „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus“ zur Begrüßung. Seit Jahren hatte sie ihn bekniet, im Haus am Nikolaikirchplatz mal vorzutragen. Hier sammelt die Gedenkbibliothek Bücher, die in der DDR verboten waren. Nun war Diepgen gekommen, sagte kurz „Tach“ zu den rund 30 Zuhörern im engen, garagenartigen Kellerraum. Bevor Diepgen reden durfte, bat Popiolek um ein kurzes Gedenken an den verstorbenen Publizisten Gerhard Löwenthal, „eine große Bastion in der roten Brandung."

Das Thema des Abends: „Berlin und die nationale Frage.“ Ein rhetorischer Drahtseilakt über einem begrifflichen Minenfeld. An der rechten Wand sitzt eine Reihe Burschenschaftler. Diepgen sah sie gleich beim Reinkommen und spricht sie in seiner Rede direkt an. In einigen Korporationen werde ja wider alle historische Vernunft noch die „großdeutsche Lösung“ diskutiert. Ein junger Burschenschaftler im schwarzen Hemd lächelt verschämt, ein anderer blickt zur Seite. Ertappt! Diepgen sagt, er selbst sei ja auch Mitglied in einer Korporation, aber „nicht mehr so aktiv".

Diepgen spricht ohne Manuskript über die nationale Frage in der Bundesrepublik und der DDR, über den 17. Juni und die Verlogenheiten der gegenseitigen Propaganda. Er kritisiert die „Intellektuellen“ beider Deutschlands, die sich mit der Teilung abgefunden hatten. Aber zum Glück war da ja noch die geteilte Stadt Berlin als Stachel im Fleisch der „rheinbündlerischen“ Partikularisten. „Berlin hat die nationale Frage offen gehalten.“ Eine historische Leistung, „aber heute wird ja nur noch über Geld gesprochen."

Bald spricht auch Diepgen vom Geld. Berlin müsse vom Bund fordern, „deutsche Institutionen“ in der Hauptstadt zu finanzieren: die Akademie der Wissenschaften, eine Oper, bestimmte Universitätsinstitute. Deutschland brauche eine Hauptstadt als „ersten Diskussionsort für die geistige und kulturelle Entwicklung der Nation". Das kostet eben ein paar Euro mehr.

Bei Punsch und Schokokeksen diskutiert Diepgen länger als geplant. Er fühlt sich wohl im Neonlicht. Seine Sätze werden mit zustimmenden Seufzern begleitet. Die meisten Gäste sind für die Rückbesinnung auf die Nation, ein „gesundes Nationalbewusstsein". Diepgen bittet, lieber „aufgeklärtes Nationalbewusstsein“ zu sagen, das böte weniger Angriffsfläche. Zum Schluss bedankt sich Ursula Popiolek für die „großen Verdienste“ des Staatsmannes Diepgen. Der steckt das Lob weg und nimmt noch einen Schokokeks.

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