Berlin : Drama vor Heiligabend

In Kreuzberg tötete ein 52-jähriger Mann seine 84-jährige Mutter. Danach beging er Selbstmord

Tanja Buntrock/Werner Schmidt

Die junge Verkäuferin im portugiesischen Feinkostladen konnte durch das Ladenfenster alles sehen: die Feuerwehrleute und Polizisten, die in das Wohnhaus gegenüber liefen, und wenig später dann die Männer mit den beiden Särgen.

Einen Tag vor Heiligabend hat sich in der Kreuzberger Dieffenbachstraße ein Familiendrama abgespielt. In einer Altbauwohnung im zweiten Stock tötete am Dienstagvormittag ein 52-jähriger Mann seine Mutter, die 84-jährige Anna L. Anschließend beging er Selbstmord. Warum all dies geschehen ist, darüber konnte am Dienstag nur spekuliert werden. Vermutlich wollte der Mann seine schwer kranke und auf den Rollstuhl angewiesene Mutter von ihren Leiden erlösen. Ungeklärt ist, ob der 52-Jährige seine Mutter mit der Absicht besuchte, sie und sich selbst zu töten, oder ob er den Plan spontan fasste. Zeugen wollen gehört haben, dass sich Mutter und Sohn vor der Tat gestritten haben.

Die Polizei hielt sich gestern noch mit Details zur Tat zurück. Heute sollen die beiden Leichen obduziert werden. Von den gerichtsmedizinischen Untersuchungen erhoffen sich die Ermittler der 5. Mordkommission weitere Hinweise.

Hinter zugezogenen Gardinen suchten Beamte bis zum Abend in der Wohnung der Toten nach Spuren. Auf dem Balkon im Stockwerk darunter erstrahlte ein prächtiger Weihnachtsbaum mit bunten Lichterketten. „Weihnachten drehen eben alle am Rad“, kommentierte eine Nachbarin aus dem Nebenhaus die Tat. Sie habe öfter gesehen, wie die alte Frau im Rollstuhl „durch die Gegend geschoben worden ist“. Die Portugiesin im Feinkostladen konnte nicht glauben, dass der Sohn seine Mutter mit einem Sofakissen erstickt haben soll. Diese Vermutung machte gestern die Runde. Es passe gar nicht zu dem, was ihr die Nachbarn berichteten, sagte die Verkäuferin: Der Mann habe sehr an seiner Mutter gehangen, sie regelmäßig versorgt und fast täglich besucht.

Mitleid haben die Gäste, die im Feinkostladen das Geschehen am Tatort beobachteten, mit der Ehefrau des 52-Jährigen. Sie war am Vormittag in die Wohnung ihrer Schwiegermutter gefahren, weil sie ihren Mann vermisst hatte. Er habe ihr zwar gesagt, er besuche seine Mutter, kehrte aber nicht zurück. Sie rief mehrmals in der Wohnung an, doch niemand meldete sich. Also fuhr sie zur Dieffenbachstraße. Sie klopfte und klingelte eine ganze Weile: Als nichts geschah, soll sie bereits vermutet haben, dass ein Unglück passiert ist. In ihrer Not rief die Frau schließlich die Feuerwehr. Die Helfer brachen die Tür auf und fanden in der Wohnung die beiden Leichen. Die Frau erlitt einen Schock und kam ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus.

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