Berlin : Drang zur Traurigkeit

„Melancholie“ in der Neuen Nationalgalerie Ein Besuch am ersten Ausstellungstag

Matthias Jekosch

Der dicke Mann sitzt in die Ecke gekauert, den Kopf auf eine Hand gestützt. Er sieht traurig und einsam aus. Wäre der „Untitled (big man)“ von Künstler Ron Mueck lebendig und könnte den Kopf bewegen, könnte er sehen, dass er so einsam gar nicht mehr ist. Um ihn herum hat sich eine Menschentraube gebildet. Auf die zahlreichen Besucher am ersten Tag der Ausstellung „Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst“ machte er großen Eindruck. „Er ist ziemlich cool“, meinte Malachy Donnelly aus England. Auch Robert Bolle fand ihn „faszinierend“.

Die Ausstellung spannt weite Bögen, um Schrift, Malerei, Musik, Philosophie und Wissenschaft in einem melancholischen Kontext einzufangen. „Es ist sehr durchmischt“, hat Frances Kregler beobachtet. Und Malachy Donnelly war von „dem ganzen unterschiedlichen Zeug“ verblüfft. Nicht verblüffend war es, dass die Besucher sich bei so einer Bandbreite angenehm auf die Ausstellungsräume verteilten und sich Ansammlungen nur bei den großen Gemälden bildeten, auf denen es viele Details zu entdecken gab.

Die ständigen Themen Tod und Untergang, Einsamkeit und Entfremdung lassen die Besucher nicht unberührt: „Ich merke, wie ich mit einer angenehmen Traurigkeit wieder rausgehe“, sagte Sabine Gaschütz nach ihrem Besuch. „Jeder hat mal melancholische Momente“, fand auch Dieter Kaufmann aus Frankfurt am Main. Den jungen Besuchern war es zu viel der Melancholie: „Wir finden es ein bisschen makaber“, meinte Schülerin Isabel Weis, die mit ihrem Deutschkurs durch die Räume ging.

Deutlich wird, dass die Melancholie in der Geschichte einen Deutungswandel erfahren hat. „Mich hat vor allem der Wechsel zwischen negativer und positiver Interpretation fasziniert“, so Kaufmann. Für den griechischen Philosophen Aristoteles waren „alle hervorragenden Männer offenbar Melancholiker“, in der christlichen Interpretation des Mittelalters konnte Melancholie sogar eine Todsünde sein. „Ich bin erfreut, dass es Denkanstöße über die Komplexität des Themas gibt“, sagte ein anderer Besucher .

„Ein sehr neugieriges Publikum“ hat Kurator Jörg Völlnagel beobachtet. „Der Auftakt lässt uns hoffen.“ Zumal es für ihn „völlig undenkbar“ ist, dass die Ausstellung nach Berlin noch an anderen Orten zu sehen sein wird.

Bis 7. Mai täglich außer montags ab 10 Uhr geöffnet, dienstags, mittwochs und sonntags bis 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr, freitags und samstags bis 20 Uhr.

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