Berlin : Draußen stehen die Schwulen

Jörg-Peter Rau

Der Gottesdienst beginnt mit einer Warnung: „Unsere Messe in St. Hedwig wird möglicherweise gestört“, sagt Prälat Roland Steinke. Homosexuelle demonstrieren vor der Kathedrale. Sie pfeifen nicht, sie schreien nicht, sie stehen einfach nur da. Sie protestieren gegen einen Beschluss der katholischen Bischofskonferenz, demzufolge gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften und der Dienst bei der Kirche nicht zusammenpassen. Mitarbeiter der Kirche, die sich dazu bekennen, schwul oder lesbisch zu sein, fürchten nun um ihren Job.

Die katholische Kirche lasse sich, wie Prälat Steinke sagt, durch nichts von der „Wahrheit“ abbringen. „Unbekümmert von Lob und Furcht“ werde man an den eigenen Überzeugungen festhalten. Damit beruft er sich auf Clemens August von Galen, einen jener kirchlichen Würdenträger, die schon früh gegen die Nazis opponierten.

„Liebe verdient Respekt“, hat der Lesben- und Schwulenverband auf seine Transparente geschrieben, die vor der Kirche gezeigt werden. Drinnen wird derweil aus dem ersten Korintherbrief vorgelesen: Im vorgesehenen Lesungstext (6,13-15) heißt es: „Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“

Steinke sagt zu dieser aus heutiger Sicht zumindest problematischen Bibelstelle im Gottesdienst weiter nichts. Stattdessen spricht er an diesem, dem so genannten „Familiensonntag“ lieber über die Berufung zum geistlichen Amt, zum Christsein und über die Bedeutung der Familie. Intakte Verhältnisse seien wichtig für die Kinder, sagt er, viele Menschen litten ein Leben lang unter einer verkorksten Situation zu Hause. Und schließlich schlägt er noch einen Bogen zur Einheit der Christen, die in der Zeit vor dem ersten Ökumenischen Kirchentag ein besonderes Gebetsanliegen ist.

Was Steinke nicht sagt: Die (evangelische) Hamburger Bischöfin Maria Jepsen erteilt homosexuellen Paaren sogar den kirchlichen Segen. Und was aus biblischer Sicht eigentlich „Unzucht“ ist, bleibt an diesem Sonntag in der Kathedrale auch offen.

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