Berlin : Dreck machen immer nur die anderen

Berlin ist Deutschlands schmutzigste Stadt, ergab eine Umfrage. Das stört auch die Berliner. Warum ändert sich trotzdem nichts?

Christian van Lessen

Berliner fühlen sich am dreckigsten. Nach einer neuesten Umfrage halten sie ihre Stadt zwar für lebenswert – aber in puncto Sauberkeit für eine Zumutung. Eine so schlechte Meinung findet sich in keiner anderen deutschen Großstadt. Jahrelange Kampagnen für mehr Sauberkeit scheinen in Berlin nicht zu fruchten.

Warum ist das so? Ruft man werktags die Nummer der Stadtreinigung an, erzählt ein Band stundenlang, dass gerade alle Leitungen besetzt sind. Die BSR ist ein gefragter Betrieb, dauernd in Gespräche über Dreck, Müll und Sauberkeit verwickelt. Sprecherin Sabine Thümler hört stets Klagen über die Verwahrlosung der Stadt. Aber die Anrufer weisen sich selbst als Saubermänner aus – den Dreck machen immer die anderen. Sind die Berliner Dreckspatzen? „Nun“, sagt die Frau der Stadtreinigung diplomatisch, „sie sind ein bisschen … fahrlässig.“

Die gerade veröffentlichte Studie über das „Leben in der Stadt der Zukunft“ von Horst Opaschowski und des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hat die Stadtreinigung nicht überrascht. Aber dass die Stadt wirklich so dreckig ist, wie die Berliner sie machen, will man nicht glauben. Dreck – das sind übrigens im Bewusstsein der Bevölkerung nicht nur Müllberge und Hundehaufen, sondern das ganze Sammelsurium empfundener Scheußlichkeiten: Beschmierte Straßenzüge, zerkratzte Bahn- und Busscheiben, die es so konzentriert nirgends sonst gibt. „Eine gesellschaftliche Frage“, sagt Petra Reetz von der BVG, „eine Frage der Erziehung.“

Mit dem Dreck, über den sich viele Berliner ärgern, meinen sie das ungepflegte Erscheinungsbild der Stadt. Wenn am Wochenende etwa die Papierkörbe des Lustgartens überquellen, ist das für Einheimische vor den vielen Touristen peinlich. Wenn in der Nähe des Bahnhofs Krumme Lanke drei Tage lang die Glassplitter eines zerschlagenen Wartehäuschens herumliegen, ist das zwar nur ein lokales Ärgernis. Aber ein trauriges Zeichen dafür, dass jeder höchstens vor seiner eigenen Tür kehren will. Keiner der anliegenden Geschäftsleute, die sich seit langem um ein gepflegteres Bild der Gegend bemühen, griff zum Besen. Alle guckten nur und schimpften – auf die Zerstörer, auf die Firma Wall, auf die BSR.

Es gibt tagtäglich viele solcher Beispiele. Die Leute, die sich darüber aufregen, ärgern sich, tun aber sonst nichts. Dabei wäre der Griff zum Besen oder das Wegräumen von Müll ein kleiner Liebesbeweis für den Ort, an dem man lebt. Aber Berlin erhält im Kleinen und Großen diese Zuneigung nicht. Es wird gemüllt, geschmiert, gekratzt, sich darüber geärgert und gewartet.

Nur Zugereiste wundern sich über den Gleichmut, mit dem noch heute in Berlin zugesehen und die Verwahrlosung zur Kenntnis genommen wird. Da können Betriebe und Behörden noch so viel fegen und abräumen, überkleben und putzen. „Ein Kampf gegen Windmühlenflügel“, sagt die BVG.

Geändert hat sich trotz einer jahrelangen Diskussion wenig. Immer noch lagern im Sommer Tausende auf Liegewiesen, die wie Müllkippen aussehen. Wird allerorts geschmiert und übertüncht und wieder überschmiert. In öffentlichen Bussen und Bahnen sind außerdem oft ganze Sitzreihen von Essensresten bedeckt und befleckt. Selbst harmlose Hinweistafeln in Wäldern werden verkrakelt. Stadtbäder müssen immer wieder ihre Becken schließen, weil Badegäste sie hemmungslos verdreckt haben.

Schon vor Jahren ergab eine Forsa-Umfrage, dass die Stadt von den Berlinern „im Allgemeinen“ als viel zu dreckig empfunden, aber die Verantwortung für die Sauberkeit allein bei der Stadtreinigung gesehen wird. Sie beauftragte daraufhin eine Werbeagentur, die Bürger zu mehr Sauberkeit zu erziehen. Die Agentur wollte aber nicht die Berliner belehren, eher an ihre Einsicht appellieren.

Das Bewusstsein für Dreck oder Sauberkeit habe sich in der Tat verändert, heißt es bei der Stadtreinigung, aber leider das Verhalten nicht. Nach einer anderen Umfrage hätten 66 Prozent aller Hundehalter angegeben, sie beseitigten die Häufchen. Eine klare Falschaussage. Und weil in Umfragen häufig nicht die Wahrheit gesprochen wird, leiden die Berliner vielleicht doch nicht so unter dem Dreck. Nur nebenbei: Die Internet-Suchmaschine Google verzeichnet unter „Dreckiges Berlin“ rund 22 700 Eintragungen. Unter „Sauberes Berlin“ aber sind es 332 000.

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