Drehort Berlin : Flirt mit Freddy

Kinosommer im Tagesspiegel – Zweite Folge: Die wilden Fünfziger. Das erste Aufbegehren der Jugend ließ sich das Kino weder im Westen noch im Osten als Stoff entgehen – egal, ob die Rüpeleien im Stadtbad Wedding oder am U-Bahnhof Eberswalder Straße stattfanden.

Andreas Conrad

Eine Horde junger Nackter, die im Schutz der Dunkelheit ein Restaurantschiff am Havelufer entert und die ehrsamen Bürger schreckt? Interessante Idee, einen Film zu beginnen. Will Tremper, einst Polizeireporter beim Tagesspiegel, nun Drehbuchdebütant bei "Die Halbstarken", hatte es sich hübsch ausgemalt: Burschen mit blankem Hintern, die über die Bordwand klettern und Rabatz machen, vor der Polizei auf einen Baum flüchten, ihre Verfolger verspotten, bis die Feuerwehr sie herunterspritzt. Aber nein, all das ging 1956 noch nicht, der Verleih hatte Bedenken, und so wurde die Eröffnungsszene von Regisseur Georg Tressler doch nicht an der Havel gedreht, sondern mit Badehosen im Stadtbad Wedding in der Gerichtstraße 65-69.

Das wurde zum Missfallen des Autors grell ausgeleuchtet, "alles kalkweiß" – eine dort noch heute dominierende Farbe, so lässt der Blick in die seit 2003 verwaisten Umkleideräume ahnen, das Einzige, was man von außen zu sehen bekommt. Keine Chance also, sich auf den Fliesen auszustrecken, wo sich einst Karin Baal räkelte. Und das backsteinerne Vorderhaus, durch das sie das Bad verließ, steht schon lange nicht mehr, im Krieg teilzerstört, 1966 durch einen Neubau ersetzt.

Mitte der Fünfziger war an den ein Jahrzehnt später einsetzenden Siegeslauf der Jugendkultur nicht zu denken, aber eine Minderheit rüttelte schon an den Gittern der Erwachsenenwelt – die Halbstarken. Ein prima Stoff für einen Jungproduzenten wie Wenzel Lüdecke, der sein Geld bisher mit Synchronisationen verdient hatte und nun auf die verschreckten Biedermänner wie auf die titelstiftenden Randalos als Publikum hoffen durfte. Letztere tauchten schon bei den Dreharbeiten in Artur Brauners Spandauer CCC-Studios auf Eiswerder auf, eine Delegation der "Totenkopfbande", die fragte, ob sie sich Hotte-Buchholz-Bande nennen dürfe.

So werden wohl – was war Fiktion, was Wirklichkeit? – die halbstarken Zaungäste bei den Dreharbeiten manches Mal gewissermaßen sich selbst zugeschaut haben, etwa vor der Eisdiele in der Kantstraße, nicht weit vom Amtsgericht Charlottenburg, in der Karin Baal als Sissy mit dem Bruder des von Horst Buchholz gespielten Freddy zu flirten beginnt.

Die Antwort der Defa auf Buchholz und Co.

"Die Halbstarken" spielen eindeutig in West-Berlin, die östliche Teilstadt bleibt ausgeblendet. Anders war das ein Jahr später in "Berlin – Ecke Schönhauser" von Gerhard Klein, nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase – die Antwort der Defa auf Buchholz & Co. Durchaus im Sinne der Partei wurden hier die Probleme der Jugend zwar nicht einseitig, aber doch auch auf die Verlockungen durch den dekadenten Westen zurückgeführt, mit der Gegend um den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche im Hintergrund, als Zentrum der Versuchung. Dessen Gegenpol liegt unter der Hochbahntrasse am U-Bahnhof Eberswalder Straße, Treffpunkt einer Clique um Dieter (Ekkehard Schall) und Angela, dem sozialistischen Gegenstück zur "Halbstarken" Sissy. Engagiert hatte man dafür die West-Berlinerin Ilse Pagé. Beim Ost-Berliner Kulturministerium kam das schon wegen der fälligen Valuta nicht gut an, wie ohnehin der Film als "schädlich für unsere Menschen" galt. Erst die Fürsprache der FDJ half ihm über die Klippen der Zensur – mit phänomenalem Erfolg: Anderthalb Millionen Zuschauer in drei Monaten.

Schon "Die Halbstarken" hatten abgeräumt, über zehn Millionen Mark an den Kinokassen, was für Lüdecke 1,8 Millionen Mark Reingewinn bedeutete. Die 1500 Mark Honorar für Karin Baal fielen da nicht ins Gewicht, als Neuentdeckung konnte sie nichts fordern, aber es wurde der Start zu einer glanzvollen Karriere, in der sie ihr Leben als Karin Blauermel aus einem Hinterhof der Weddinger Triftstraße rasch hinter sich ließ. Den neuen Namen will ihr Drehbuchautor Tremper gegeben haben. Beim Essen im Kempinski habe er den Anruf einer Illustrierten erhalten, die den noch namenlosen Jungstar als Covergirl wollte und nun den endgültigen Namen brauchte. Tremper kaute noch an Aal grün und sagte zögernd "Karin Aal, Karin Baal, Karin Caal, Karin Daal…" Der Illustriertenmann war zufrieden: "Na, Baal ist doch schon gut." Nicht auszudenken, wenn Tremper Barsch bestellt hätte.

Die nächsten Folgen:

Der Kalte Krieg: Di., 7. August

Badetag: Fr., 10. August

Wendezeit: Di., 14. August

Kulisse Berlin: Fr., 17. August

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