Drehort Potsdamer Straße : Tagesspiegel - der Film

Das Kino Arsenal zeigt eine TV-Dokumentation über den Tagesspiegel von 1970. Verleger Franz Karl Maier hat sie damals nicht gefallen.

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Andruck bei Mercator in der Potsdamer Straße: Franz Karl Maier, Verleger des Tagesspiegels, und Hans Sonnenfeld vom "Abend", betrachten 1954 jeweils das Konkurrenzprodukt.
Andruck bei Mercator in der Potsdamer Straße: Franz Karl Maier, Verleger des Tagesspiegels, und Hans Sonnenfeld vom "Abend",...Foto: Archiv

Franz Karl Maier, Verleger des Tagesspiegels von 1949 bis 1984, galt als streitbarer Mann, und Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn und sein Kameramann Rolf Deppe hatten wirklich hinreichend Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Neun Wochen lang drehten die beiden 1970 in den damaligen Redaktionsräumen in der Potsdamer Straße in Tiergarten, es dürfte die beiden also kaum überrascht haben, als ihr kritisches Porträt des Blattes bei FKM nicht gerade auf Begeisterung, ja auf massiven Widerstand stieß.

Genau 70 Jahre wird der Tagesspiegel am kommenden Sonntag alt. Das Kino Arsenal im Filmhaus an der Potsdamer Straße 2 zeigt aus diesem Anlass am Montag, 19 Uhr, den damals vom NDR in Auftrag gegebenen und am 10. August 1971 gesendeten Film. „Wildenhahn geht der Ruf voraus, bei seinen Filmen wertende Kommentare und manipulierende Schnitte möglichst zu meiden. Ob dies bei dem Tagesspiegel-Film gelungen ist, soll der Zuschauer selbst entscheiden“ – schon an dieser Programmankündigung ist abzulesen, was man im porträtierten Verlagshaus von „Der Tagesspiegel. Ein Film für West-Berliner Zeitungsleser und Journalisten“ offiziell hielt.

Zehn Minuten herausgeschnitten

Der mit kleinem Team, Handkamera und Originalton gedrehte Film ging dem Verleger sogar so sehr gegen den Strich, dass er beim NDR auf Änderungen drang. Gut zehn Minuten wurden herausgeschnitten, 76 Minuten blieben, den zweiten Teil des Films soll der Sender sogar vernichtet haben, schreibt der Journalist Jan Gympel in der Ankündigung des Arsenal. Gympel, auch den Tagesspiegel-Lesern als Autor bekannt, wird in den Film einführen.

Einer eigenen Kritik hat sich der Tagesspiegel damals vornehm versagt: „Wir gelten als Partei. Deshalb enthalten wir uns auch einer Erklärung zu gewissen Fragwürdigkeiten dieser Zusammenstellung.“ Allerdings stellte man für den Leser nach der Ausstrahlung eine Sammlung von Fremdrezensionen anderer Blätter zusammen. Ein eigener Verriss erübrigte sich da, das übernahmen die anderen Blätter.

"Braves bürgerliches Blatt"

Die hinter allen Einzelheiten spürbare Ansicht des Autors, die Objektivität einer Zeitung werde allein schon dann gefährdet, wenn sie überhaupt ein Wirtschaftsunternehmen ist, stand offenbar fest, ehe er und sein Kameramann sie am ,Tagesspiegel‘ zu beweisen versuchten“, schrieb etwa die FAZ, während die „Zeit“ meinte, der Tagesspiegel, „ein braves bürgerliches Blatt, das Langeweile nicht immer aus seinen Spalten vertreiben kann“, eigne sich schlecht als „Demonstrationsobjekt ,frühkapitalistischer Ordnung‘“.

Die „Westfälischen Nachrichten“ schrieben sogar von einem „unfairen, z. T. hämisch-polemischen Beitrag“. Wildenhahn hat der Streit auf Dauer nicht geschadet: 1978 bekam er den Grimme-Preis in Gold.

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