Berlin : Drei Frauen, zwei Männer und vier Verlierer

Sabine Beikler

Bei den K-Fragen - seien es die Kanzler-Kandidaturen auf höchster Ebene oder "nur" die Kandidaturen für den Bundestag - hört die Solidarität unter Parteifreunden auf. Dieses Phänomen manifestiert sich nicht nur in der Bundes-CDU, sondern auch bei den Grünen. Mit harten politischen Bandagen kämpfen die Bewerber gegeneinander, die sich auf die Landesliste des Berliner Verbandes setzen lassen wollen. Denn nur wer sich die ersten zwei Plätze auf der Landesliste sichern kann, hat die Garantie, in den Bundestag einzuziehen. Vorausgesetzt natürlich, die Fünf-Prozent-Hürde wird übersprungen. Bewerbungsschluss bei den Berlinern war am gestrigen Montag. Antreten werden: Renate Künast auf Platz eins, gefolgt von gleich drei Bewerbern, die um Platz zwei kämpfen: Andrea Fischer, Christian Ströbele und Werner Schulz. Auf Platz drei will Franziska Eichstädt-Bohlig kandidieren.

Andrea Fischer, die 1998 die Berliner Spitzenkandidatin war, hatte schon vor Wochen erklärt, sie wolle Künast den Vortritt für Platz eins lassen. Die Verbraucherschutzministerin gilt als gesetzt, obwohl es auch kritische Stimmen über die 46-jährige Berliner Politikerin gibt. Sie habe sich zu wenig um den Landesverband gekümmert, aber dennoch kräftig ihre Fäden gezogen. Besonders übel haben es viele Künast genommen, als es um die Aufstellung der Spitzenkandidaten für den Wahlkampf ging: Sie galt als vehemente Verfechterin von grüner Bundesprominenz an der Spitze. Der Landesverband entschied sich für eine Berliner Lösung und verbat sich intern jegliche Einmischung von Bundesebene.

Die Entscheidung um Platz zwei wird für die Grünen in der Hauptstadt richtungsweisend sein. Der Friedenspolitiker Christian Ströbele gegen die Bio- und New-Economy-Politikerin Andrea Fischer: der linke Flügel gegen den Realo-Flügel. Der 62-jährige Ströbele sieht seine Rolle in der Partei nicht als "Mainstream-Korrektiv" in der Fraktion. "Ich halte die linken Inhalte für richtig und stehe dazu." Für Ströbele stehen Friedenspolitik ebenso wie das Eintreten für soziale Bewegungen, die auf die Folgen der Globalisierung aufmerksam machen, für eine Zukunftspolitik der Grünen. Der Bundestagsabgeordnete will mit seiner Kandidatur Wählerstimmen auf sich ziehen, die "uns schon einmal gewählt haben". Sollte er auf Platz zwei aufgestellt werden, wird Ströbele vermutlich im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg kandidieren.

Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer gilt als Vertreterin des reformorientierten Flügels. Die 41-jährige Politikerin nimmt für sich in Anspruch, das Politikangebot mit dem Zeitgeist zu verbinden und den Grünen-Blick nach vorn zu richten: Sie fordert eine Reform der sozialen Sicherungssysteme, will Ökologie mit Ökonomie besser vernetzen und verantwortet als Fachpolitikerin in der Bundestagsfraktion auch die Position der Partei in puncto Bio- und Gentechnologie. Andrea Fischer ist in der Bezirksgruppe Schöneberg-Tempelhof aktiv und wird vermutlich dort auch kandidieren, sollte sie auf Platz zwei gewählt werden.

Der dritte Kandidat um Platz zwei ist Werner Schulz, Bundestagsabgeordneter mit ostdeutscher Biographie. Der 51-Jährige zog bisher über den sächsischen Landesverband in den Bundestag ein. Schulz war Verhandlungsführer von Bündnis 90 vor dem Zusammengehen mit den Grünen. Seine politischen Schwerpunkte sind der Aufbau Ost und die Ökologie. Seine Kandidatur gilt als wenig aussichtsreich: Er ist im Landesverband zu wenig etabliert. Es fehlt ihm der "Stallgeruch", wie zu hören ist. Schulz selbst sieht seine Kandidatur auch als Zeichen dafür, dass "Bündnis 90 / Die Grünen nicht zum Etikettenschwindel wird".

Franziska Eichstädt-Bohlig kandidiert auf den wenig aussichtsreichen Platz drei. Die 60-jährige Bundestagsabgeordnete kandidiert als "Fachpolitikerin" für Stadtentwicklung und das Bundesprogramm Stadtumbau Ost, wie sie selbst sagt. Für sie ist es wichtig, dass der Berliner Landesverband nicht die alten Auseinandersetzungen weiterführt, sondern sich verstärkt den Zukunftsthemen zuwendet.

Am 19. Januar wollen die Mitglieder der Berliner Grünen über die Aufstellung der Landesliste entscheiden.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar