Berlin : Drei Mann, ein Boot

Die Barkasse „Marine 1“ ist das einzige Bundeswehr-Schiff in Berlin. Ein Besuch

Marc Neller

Hauptbootsmann Steffen Kreidl war auf stolzen Schiffen mit großer Besatzung heimisch. Zerstörer Hamburg, 284 Mann; Fregatte Karlsruhe 214 Mann; ebenso viele auf der Fregatte Brandenburg. Dann fast zehn Jahre auf der Gorch Fock, dem berühmten Schulschiff der deutschen Marine. Als Korporal, Wachführer, Hauptbootsmann.

Kreidl ist 34 Jahre alt. Er ging zur Marine, weil er das Abenteuer auf See suchte. Er war in Südostasien, Südamerika, Südafrika, hat gefährliche Wetterkapriolen auf dem Indischen Ozean erlebt, und auf dem Schwarzen Meer. Er sagt, er sei mit ganzem Herzen Seefahrer.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Kreidl Schiffsführer der Barkasse „Marine1“, des einzigen Marine-Schiffs in Berlin. Drei Mann, ein Boot. „Wir sind die kleinste fahrende Einheit der Bundeswehr“, sagt Kreidl. Die Barkasse – 15 Meter lang, vier breit, ein Meter Tiefgang – fährt auf der Spree, auf der Havel und auf dem Landwehrkanal. „Sollten wir mal sinken, müssen wir uns nur auf das Dach setzen“, sagt Kreidl. Er lächelt. Kreidl ist ein freundlicher Mann, der Ironie mag, mit einer freundlichen Besatzung. Die Spree ist zweieinhalb Meter tief, hier geht niemand unter.

Dass bei der Marine nur abenteuerhungrige Seefahrer arbeiten, ist ein Klischee. Nur ein Viertel der rund 25000 deutschen Marinesoldaten ist überhaupt auf einem Schiff. Viele sitzen in Büros. Man tritt Steffen Kreidl nicht zu nahe, wenn man sagt, dass auch die „Marine1“ nicht die ganz großen Abenteuer bietet. Auf einer Rundfahrt über Spree und Landwehrkanal passiert das Boot drei Schleusen, es wird zweimal auf ein höheres Wasserniveau gepumpt und dann wieder zurück auf das Ausgangsniveau. Abenteuer stehen nicht auf dem Dienstplan des Berliner Marinestützpunkts. Es geht dort um andere Dinge: Schulungen, Weiterbildungen, Nachwuchswerbung, so etwas. Es ist eine ernste Aufgabe; die Marine hat nicht zu viel Nachwuchs.

Kreidl ist gewissermaßen die volksnahe Außendienststelle. Er fährt junge Menschen über die Wasserstraßen der Stadt und gibt den Touristenführer. Für Schulklassen zumeist oder für junge Soldaten. Manchmal schippert er Staatsgäste durch die Stadt. Oder vielleicht den Bundespräsidenten.

An diesem Vormittag hat er 15 Offizieranwärter aus einer bayerischen Kaserne an Bord. Er steht am Steuer und lenkt das Schiff mit der rechten Hand. In der linken hält er ein Mikrofon. Als das Boot das Lüders-Haus passiert, sagt er: „Das Haus beherbergt die drittgrößte Bibliothek der Welt.“ Und schon kündigt er das „nächste architektonische Highlight an“: das Kanzleramt. Kreidl erzählt, dass Berlin tausend Brücken hat – viel mehr als Venedig, die Stadt der Brücken. Er weiß einige Dinge über Berlin, die der gemeine Tourist nicht weiß, der gemeine Berliner vielleicht auch nicht. Kreidl grüßt über Bordfunk die Kapitäne der Ausflugsschiffe, die ihm entgegen kommen; man kennt sich. Er sagt: „Unser Funkgerät hat eine Sendeleistung von einem Watt, man wird in gut einem Kilometer Entfernung gehört. Das reicht hier.“

Vom Nautiker-Standpunkt aus betrachtet wirkt das alles ein bisschen so, als schwämme Franziska van Almsick in einer Badewanne. Man weiß nicht, ob Steffen Kreidl das auch so sieht, öffentlich sagen würde er es sicher nicht. Er ist loyal. Er war zehn Jahre am Stück auf einem Schiff, sein Vorgesetzter wollte, dass er mal einen Landdienst übernimmt. Also hat er das getan, offiziell gilt der Dienst auf der „Marine1“ als Landdienst.

Das also ist Steffen Kreidls Aufgabe, vielleicht noch ein Jahr, vielleicht etwas länger. Er nimmt diese Aufgabe so ernst, wie jede andere, die man ihm zudenkt. Er sagt, dass dies ein gute Gelegenheit ist, zu zeigen, „dass man organisieren kann und teamfähig ist“. Er sagt auch, dass er wieder zur See fahren will und irgendwann heiraten, mit 45 vielleicht. Vorher kaum. „Warum sollte eine Frau einen Mann heiraten, den sie kaum sieht.“ Kreidl lebt allein. Für seinen Dienst.

Der beginnt um sieben morgens auf dem Schiff. Zu maximal drei Fahrten laufen sie am Tag aus, zwischendurch muss das Schiff sauber gemacht, muss gesaugt und Geschirr gespült werden. An Bord bieten sie ihren Fahrgästen Essen und Getränke an. Kreidl sagt: „Wir sind im Schnitt zwölf Stunden täglich in Charge.“ Auch die Planung gehört zu Kreidls Aufgaben. An welchen Brücken wird gebaut, welche Schleusen werden repariert? Welche Wege sind frei? Das ändert sich oft.

„Wir sind ein gutes Team“, sagt Kreidl. Und ein paar Dinge sind auf der „Marine1“ dann doch wie auf einem großen Schiff: Eine Woche hat sieben Tage; das Wetter ist, wie es ist; und sie sprechen Seemännisch. Sagen „Wahrschau“, wenn sie „aus dem Weg“ meinen; sie decken den Tisch an Bord nicht, sondern backen auf. Kreidl sagt, man soll merken, dass man auf einem Schiff ist.

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