Berlin : Drei Mann für alle Fälle

Kann man sich die Feuerwehr als Lebensretter sparen? Der Alltag auf der Wache zeigt, warum Einsätze teuer sind

Ingo Bach

Am Gürtel von Achim Mahlow fängt der kleine Funkmelder an zu fiepen. Mitten in der Mittagspause! Eine freundliche Frauenstimme sagt: „Person in Notlage“. Hinter dem Einsatzstichwort verbirgt sich die ganze Palette von Dramen, die in einer Großstadt zu Noteinsätzen der Feuerwehr führen – vom schweren Verkehrsunfall bis zum kleinen Schwächeanfall. Die Rettungswagen-Besatzung in der Feuerwache am Kreuzberger Urbankrankenhaus erfährt, ein 48-Jähriger hat einen Kreislaufkollaps, er leidet unter Schwindel und Übelkeit. Mahlow springt auf. Den gerade gebrühten Kaffee lässt er kalt werden. Mit Blaulicht geht’s zum Einsatzort.

Immer wieder wird Achim Mahlow in seiner Schicht eine Frage gestellt, und sie verdeutlicht das Dilemma des Rettungssanitäters: „Welche Krankheit ist es denn?“ Jeder, der über die Notrufnummer112 einen Rettungswagen der Feuerwehr ruft, erwartet schnelle ärztliche Hilfe, erwartet vom Einsatzleiter eine Diagnose. Doch die darf er gar nicht stellen. Er muss genau eine Entscheidung treffen: Ist der Patient ein Fall fürs Krankenhaus oder nicht? Mahlow steht vor dem Bett des Kranken, stellt Fragen zum Befinden, misst Puls und Blutdruck. Ein Fehlurteil wäre fatal. So wie bei dem vierjährigen Jungen, der vor zwei Wochen an einer Meningitis starb, weil kurz zuvor weder ein Klinikarzt noch eine Rettungswagenbesatzung die schwere Erkrankung erkannt hatten. „Viel mehr können wir jetzt nicht für Sie tun“, sagt Achim Mahlow zu dem 48-jährigen Patienten. „Am besten, Sie kommen mit ins Krankenhaus.“

„Im Zweifel geht es immer erst in die Klinik“, sagt Zugführer Manuel Schmidtke. Er ist der Chef während dieser 24-Stunden- Schicht in der Urbanwache. Neben den Feuerlöschfahrzeugen stehen ihm drei Rettungswagen zur Verfügung, und mit ihnen neun Mann Besatzung, die Hälfte der 18 Feuerwehrleute, die zu Schmidtkes Schicht gehören. Zwischen 20 und 25 Mal am Tag rückt ein Rettungswagen aus. Und nicht immer steckt dahinter ein Notfall. So mancher Mitbürger missversteht die Feuerwehr als Schlüsseldienst, Taxiunternehmen oder Gesprächstherapeuten.

Wieder fiept der Funkmelder: Als die Feuerwehr-Leitstelle die Einsatzadresse nennt, wissen alle Bescheid: „Nicht schon wieder!“ Es handelt sich um eine ältere Dame, die unter Asthmaanfällen leidet, aber mehr noch unter ihrer Einsamkeit. Sie ruft immer wieder den Rettungsdienst, bietet den Sanitätern auch mal ein Stück Kuchen an, hofft auf ein bisschen Zuwendung. Und obwohl alle auf der Wache das wissen, müssen sie jedes Mal mit Blaulicht zur Wohnung der Frau. Diesmal könnte es ein Notfall sein. „Lieber einmal zu viel fahren“, sagt Schmidtke.

Bis zu 70 Prozent der Einsätze, schätzen Insider, sind keine echten Notfälle. Oft alarmieren Sozialhilfeempfänger den Rettungswagen, weil sie zum Krankenhaus müssen und kein Geld haben für den U-Bahn-Fahrschein. Eine Fahrt in der Luxuskarosse: Ein Spezialtransporter kostet rund 130000 Euro Anschaffungskosten. Er muss Technik an Bord haben, die Leben retten kann: einen Defibrillator zum Beispiel, eine Sauerstoffflasche und eine Absaugpumpe. Außer einem Nitrospray zur schnellen Behandlung eines Herzanfalls wird man im Notfallkoffer aber keine Medikamente finden. Die Rettungsassistenten dürfen eine Notfallversorgung vornehmen, aber nicht behandeln. Das ist Sache des Notarztes, der mit alarmiert werden kann.

Soweit die Vorschrift. Die Realität kann ganz anders aussehen. Da muss der drei Jahre lang ausgebildete Rettungsassistent mit jahrzehntelanger Erfahrung warten, bis der Notarztwagen ankommt – mit einem jungen Arzt, der gerade sein praktisches Jahr beendet hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar