Berlin : Drei Mütter erstatteten Anzeige gegen die beliebte Lehrerschaft

Jeannette Goddar

Fast acht Wochen ist es her, dass Fotografen von Boulevard-Zeitungen sowie Kamerateams privater Fernsehsender vor der Grundschule am Sandsteinweg Stellung bezogen und die bis dato außerordentlich beliebte Schule in die Nähe eines Horrorkabinetts rückten. Drei Mütter hatten die Presse alarmiert und schwere Vorwürfe gegen die Lehrerschaft erhoben.

Heraus kam die Veröffentlichung verschiedener Versionen von Geschichten, in denen Lehrer Kinder mit dem Rohrstock züchtigten und mit Seilen an Stühle fesselten. Zusätzlich erstatteten die Mütter Anzeige wegen Körperverletzung, unterlassener Hilfeleistung und Freiheitsberaubung. Das Landesschulamt und die Polizei nahmen die Ermittlungen auf. Wochen und unzählige Gespräche später stehen die Vorwürfe immer noch im Raum. Dieser Tage verliefen die Einzelgespräche mit den Müttern im Landesschulamt ergebnislos. "Die Situation ist völlig verfahren", erklärte die zuständige Schulrätin Monika Marcks im Anschluss. Eine der Mütter will zum nächsten Treffen ihren Anwalt mitbringen, eine andere gibt sich "soweit recht zufrieden", will aber keine Ruhe geben, bis Disziplinarmaßnahmen ergriffen wurden.

Zumindest in ihrem Fall ist der Sachverhalt einigermaßen nachvollziehbar: Die Lehrerin ihrer siebenjährigen Tochter soll diese auf die ein oder andere Art durch ein Seil mit ihrem Stuhl verbunden haben. Während die Mutter von "Festbinden" spricht, erklärt die Schulleitung: Die Lehrerin habe das Seil symbolisch um das Kind gelegt, um ihm klarzumachen, dass es still sitzen solle. Dass selbst der symbolische Einsatz eines Seils pädagogisch nicht tragbar ist, haben alle Beteiligten von der Schulleiterin bis zur Schulrätin längst zugegeben; um Körperverletzung handelt es sich dennoch nicht.

Alle anderen aufgeführten Vorfälle von geschlagenen Kindern oder solchen, die nach einem Unfall blutüberströmt im Lehrerzimmer sitzen gelassen wurden, weist die Schule weit von sich. "Ich grüble seit Wochen über die Motive der Mütter", sagt Petra Balzer, seit 13 Jahren Schulleiterin, "aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie sich die Situation so hochgeschaukelt hat." Balzer hat aber noch ein ganz anderes Problem: Kinder wie Lehrer wie Eltern sind verunsichert; die Zahl der Anmeldungen für das kommende Schuljahr geht zurück.

Dass sowohl der Bezirksstadtrat und ehemalige Leiter des Landesschulamtes Wolfgang Schimmang als auch Schulräte und Lehrer nicht an die Vorwürfe glauben mögen, muss einen vielleicht nicht weiter verwundern. Stutzig macht jedoch, dass weder der Bezirkselternausschuss noch die Elternvertreter der Schule auf der Seite der Mütter stehen. "Haltlose Vorwürfe", sagt Elternsprecher Franz Beckmann, und: "Warum gibt es keine Zeugen, und warum können diese Frauen mit der Presse reden, aber nicht mit mir?" Bisher habe sich keine der drei Frauen an ihn gewandt. Was die Motivlage der Mütter angeht, gehen Beckmanns Spekulationen in die gleiche Richtung wie die aller anderen: Gegenseitiges Hochschaukeln, Geltungssucht, eigene Probleme.

Eine der Mütter weist das weit von sich: "Wenn ein Lehrer nicht unterrichten kann, muss er Brötchen verkaufen. Darum geht es mir und um nichts anderes." Allerdings ist eben diese Mutter bereits wegen Verleumdung einer Lehrerin rechtskräftig verurteilt.

Elternsprecher Beckmann spart auch nicht mit Vorwürfen an das Landesschulamt. "Die Dynamik ist völlig unterschätzt worden", so Beckmann, "dass ein Gespräch zu nichts führt, war sonnenklar". Angesichts der Tatsache, dass die Eltern von 800 Kindern "im Dreieck springen", weil der Ruf ihrer Schule ruiniert wird, sei die Verwaltung viel zu lange untätig geblieben. Dass es zu Beginn der Ermittlungen in der Außenstelle Neukölln etwas langsam zugegangen sei, gesteht auch Monika Marcks inzwischen zu.

Doch wie eine Lösung aussehen kann, ist weiter unklar: Die Ermittlungen gegen die Lehrerin mit dem Seil gehen ihren bürokratischen Gang; die Mutter des betroffenen Mädchens hat unterdessen ein weiteres Kind zur Einschulung an der Schule angemeldet; keine der Mütter will ihr Kind von der Schule nehmen, schließlich seien es die Lehrer, die gehen müssten. Der Verwaltung sind, zumindest in dem Fall, dass kein Lehrer belangt werden kann, die Hände gebunden: "Denn Eltern", so sagt Stadtrat Schimmang nüchtern, "kann man schließlich nicht der Schule verweisen."

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