Berlin : Dreieinig zu Gast bei Freunden

In Westend bringt die Kirche den Fußball in den Kiez

Heidemarie Mazuhn

Scheinbar menschenleer lag gestern Vormittag die Bayernallee in der Morgensonne. Die Vögel zwitscherten, ein paar Kinder lachten in den Vorgärten der prächtigen Villen. Ein Vater tollte mit seinem Sohn über die Wiese, auf dem Balkon eines Hauses las ein Ehepaar beim Frühstück die Zeitung. Wie herausgelöst aus Zeit und Raum erschien dem Fremden die sonntägliche Szenerie in dieser stillen Wohngegend in Westend. Aber auch die Bayernallee ist ein Teil des fußballbegeisterten Berlins – dank der katholischen Kirche Heilig Geist in Nummer 28. Die Kirche brachte den Fußball in die Straße. Ein riesiger Fußball ziert eine meterlange weiße Stoffbahn an der Fassade des Gemeindezentrums neben dem Kirchengebäude.

Das Olympiastadion gehört zum Einzugsbereich der Heilig-Geist-Gemeinde. Da lag es nahe, sich als WM-Kirche anzubieten. Sozusagen in „Hörnähe“ zum Olympiastadion soll auch in Heilig Geist während der Fußball-WM „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sein – so liest man es auf der weißen Stoffbahn, das in der Bayernallee niemand übersehen kann, „a time to make friends“. An allen sechs WM-Spieltagen im Olympiastadion (13., 15., 20., 23. und 30. Juni sowie zum Finale am 9.Juli) bietet sich dazu von 15 Uhr 30 bis 22 Uhr im Pfarrgarten von Heilig Geist in einem WM-Café beste Gelegenheit. Fußballfans verpassen nichts – die Spiele kann man im Pfarrsaal auf einer Großleinwand verfolgen.

Wer dem Fußballfieber für einen Moment entfliehen möchte, kann in den Kirchenraum eintreten. Der steht an den sechs WM-Spieltagen als „Raum der Ruhe“ mit spirituellen Angeboten offen.

Gestern war sie zum ganz normalen Sonntagsgottesdienst geöffnet. Im freundlich hellen Kirchenschiff, über dem sich eine honigfarbene Holzdecke wölbt, erinnerten nur die an den Seitenwänden dekorierten Landesfähnchen der Fußball-Teams an die neue Funktion als WM-Kirche. Das Thema der Predigt war Pfarrer Manfred Kraus am Dreifaltigkeitssonntag vorgeben. Er habe sich in seiner Laufbahn immer versucht, davor zu drücken, sagte er. Es sei einfach für viele so schwer zu verstehen, wieso ein Gott dreifaltig sein kann. Etliche der zahlreich erschienenen Gottesdienstbesucher nickten. Dann erzählte der Pfarrer die Geschichte eines daran zweifelnden jungen Mannes, dem ein weiser Mann riet, er möge zu einem heiligen Ort wallfahren. Das tat er und machte die Erfahrung, dass nicht der heilige Ort, sondern sein Aufbruch dorthin ihn zu Gott führte.

Nur auf der Suche, nicht am Ziel könne es gelingen, sich zumindest dem Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes anzunähern, das da heißt: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gott sei kein Supervater, sagte Pfarrer Krause, sondern eine sich ereignende Gemeinschaft. Gott ist Liebe, habe Papst Benedikt verkündet, und Liebe habe etwas mit Austausch zu tun und Glaube an die göttliche Gemeinschaft.

Dass wir immer wieder mit in diese Gemeinschaft hineingenommen werden, darum sollen wir beten, hieß es in der Predigt, zu der der Pfarrer drei Kinder nach vorne zum Altar bat, um ihnen das Geheimnis der Dreifaltigkeit mit einem Bild zu verdeutlichen. Jedes Kind durfte eine Kerze anzünden – stellvertretend als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dann hieß der Pfarrer sie, alle drei Kerzen zusammenzuhalten. Das ergab eine Flamme. Drei Kerzen, eine Flamme – drei Personen, ein Gott. Zumindest ein bisschen wurde die Dreifaltigkeit greifbar.

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