Berlin : Dreifachmord in Neukölln: Verdächtiger ist kein Kind - Haftbefehl

Werner Schmidt Hans Toeppen

Nach dem Dreifachmord vom Neujahrsmorgen in Neukölln hat die Staatsanwaltschaft gestern auch den mordverdächtigen afghanischen Jungen Magid Z. verhaften lassen. Der Junge ist nach einer vorläufigen Altersbestimmung - Röntgenaufnahme sowie Untersuchung von Kiefer und Zähnen - 16 bis 17 Jahre alt und damit strafmündig. Er selbst hatte sich als 13 ausgegeben. Sollte der abgelehnte Asylbewerber wegen der bestialischen Tat verurteilt werden, droht ihm nun die Jugend-Höchststrafe von zehn Jahren.

Nach Angaben von Justizsprecher Sascha Daue schweigen sowohl der Junge als auch sein ebenfalls verhafteter Onkel weiterhin über die Tat. Die Annahme, dass der Junge älter als 13 ist, wurde gestern auch aus dem Freundeskreis der erschossenen Opfer bestätigt. Danach hat sich Magid Z. im Familienkreis selbst als 16-jährig bezeichnet. Und alle Bekannten hätten ohnehin gewusst, dass er nur wegen des Schulbesuchs und Bleiberechts in Deutschland "jünger gemacht" worden sei. Solche Praktiken hatte am Vortag auch die afghanische Botschaft gegenüber dem Tagesspiegel bestätigt.

Das Blutbad in der Wohnung an der Elsenstraße in Neukölln trägt, wenn man die Schilderungen von Freunden und Nachbarn der Opfer als Grundlage nimmt, alle Züge eines archaischen und besinnungslosen Rache-Verbrechens.

Erschossen und erstochen wurden nicht nur die 32-jährige Nezara Z., sondern auch ein Cousin und ein Onkel der Frau. Sie hatten sich den Tätern in den Weg gestellt. Die vier Kinder der Frau blieben dagegen unversehrt. Sie sind Zeugen der Tat. Und ihre Aussagen zeugen nun gegen den verhafteten Schwager der Frau, Badshah Z., und dessen Neffen Magid Z. Um die Kinder wegen ihrer Aussagen bei der Mordkommission gegen mögliche Racheakte aus dem Umfeld der beiden verhafteten Mordverdächtigen zu schützen, wurden sie nach Informationen des Tagesspiegel von der Polizei unter Schutz gestellt.

Freunden zufolge hatte der 28-jährige Badshah Z. vor der Tat telefonisch sein Kommen angekündigt. Er habe behauptet, er wolle mit den anderen am Neujahrsmorgen noch Karten spielen. Die Staatsanwaltschaft sucht das Motiv im 80 000-Mark-Vermögen der Frau, deren Ehemann vor einigen Monaten an Krebs gestorben war. Nach islamischem Erbrecht hätte der Schwager allerdings gar kein Anrecht auf dieses Geld gehabt. Freunde der Toten schildern den Schwager als einen Mann, der seit längerer Zeit nicht nur das Geld, sondern auch die Frau begehrt und die Witwe deshalb ständig bedrängt habe. Die Frau versuchte offenbar sogar, Kredite aufzunehmen, um die Geldgier ihres Schwagers zu stillen und diesen "auszuzahlen", damit er aufhörte, sie ständig unter Druck zu setzen.

Völlig haltlos sei dagegen die Vorstellung, es könne sich bei der Tat um ein "Ehrendelikt" wegen angeblicher Männerkontakte des Opfers gehandelt haben. Nach dem Tod ihres zutiefst geliebten Mannes habe Nezara Z. vielmehr alle Kontakte zu Männern abgelehnt und deshalb auch ihren Schwager abgewiesen. Dieser ist selbst verheiratet und hat vier Kinder. Nach Angaben aus dem Freundeskreis der Frau hatte der Mann seine Schwägerin deshalb auch nur - rechtlich unverbindlich - zusätzlich nach religiösem Ritus "heiraten" wollen.

Zusätzliche Tragik verleiht dem Fall die Tatsache, dass die Frau offenbar auch Opfer ausgerechnet des Jungen geworden ist, den sie bei sich in der Familie aufgenommen hatte. Magid Z., der nach der Tat mit blutigen Händen aufgegriffen wurde, wohnte bei ihr und half dem Haupttäter nach Einschätzung der Strafverfolger, in die Wohnung zu kommen. Der Jugendliche war als rechtskräftig abgelehnter Asylbewerber in Berlin nur geduldet worden, weil es keine Flüge nach Kabul gibt. Seine Eltern leben in Afghanistan. Sein Vater ist ein Bruder des verhafteten Badsha Z.

Opfer der Bluttat sind auch 21 Kinder. Nezara Z. hinterlässt vier Kinder. Die beiden Männer, die mit umgebracht wurden, hatten zusammen 17 Kinder.

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