Berlin : Dreikampf im geteilten Bezirk

Eine progressive PDS-Frau und ein prominenter Grüner treten gegen einen siegesgewissen SPD-Mann an

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Von Christoph Villinger

Hier wählt die Minderheit konservativ. Fast 80 Prozent der Wähler entschieden sich bei der Bundestagswahl 1998 in dem aus dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und dem Ostteil des Prenzlauer Bergs bestehenden Stimmbezirk 84 mit ihrer Erststimme für die Kandidaten von SPD, PDS oder Bündnis 90/Grüne. Das ist das Bild, rechnet man die Zahlen auf den neuen Stimmbezirk um. Auch bei den Zweitstimmen verteilen sich immerhin noch 75 Prozent so. Die CDU brachte es gerade mal auf 13,7 Prozent, die FDP gar nur auf knapp zwei Prozent.

Trotzdem ist gerade hier der Wahlkampf spannend, denn drei Kandidaten der linken Parteien liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Direktmandat. Zwar scheint der 33-jährige Andreas Matthae von der SPD nach den Zahlen von 1998 die besten Chancen zu haben. Doch die parteilose Kandidatin der PDS, Bärbel Grygier, hat als ehemalige Bürgermeisterin des Bezirks einen klaren Heimvorteil. Und wegen seines hohen Bekanntheitsgrades hat auch Christian Ströbele von Bündnis 90/Grüne Chancen.

Aber wie aussagekräftig sind die Zahlen von 1998 heute noch? Im Stimmbezirk hat sich die Bevölkerungsstruktur in den letzten fünf Jahren verändert. In Friedrichshain verließen viele Industriearbeiter ihr Viertel. Mittelständler, Familien mit Kindern, sind ins Umland gezogen. Und auch Alternative haben Kreuzberg den Rücken gekehrt. Andererseits: Nahm Mitte der 90er Jahre die Bevölkerung auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer noch stetig ab, so waren in den letzten Jahren Zuzugsraten von bis zu zehn Prozent festzustellen. Der Stimmbezirk ist mit einem Wähleranteil von 38 Prozent unter 35 Jahren der „jüngste“ in ganz Deutschland.

Gleichzeitig ist er auch der heterogenste Berlins. Die Grünen kommen in den Wahllokalen rund um die Oranienstraße oft an die 50-Prozent-Marke heran, in den Hochhäusern des sozialen Wohnungsbaus am Hallschen Tor schafft die SPD über 50 Prozent und die PDS wiederum erreicht in den Plattenbauten am Thälmann-Park manchmal fast 70 Prozent. Es gibt Viertel rund um den Boxhagener Platz, in die vor allem junge Menschen gezogen sind. Deren Wahlverhalten ist auch für professionelle Wahlbeobachter schwer einzuschätzen. Ähliches gilt für die etwas ruhebedürftigeren Familien, die eher das Bötzowviertel am Volkspark Friedrichshain bevorzugen.

In den letzten zwölf Jahren durchlebte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eine tiefgehende wirtschaftliche Strukturkrise. Sowohl im Osten wie im Westen wanderte ein Großteil des produzierenden Gewerbes ab oder machte Pleite. Inzwischen sind fast 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Dienstleistungsbereich tätig. Die aber bilden, verschärft durch die jüngste Krise der New Economy, noch keine tragfähige Basis für den Stadtteil. So ist die 20-prozentige Erwerbslosigkeit wohl das drängenste Problem im Stimmbezirk. Bis zur Wende arbeiteten tausende Friedrichshainer beim Glühlampenhersteller VEB Navra, der abgewickelt wurde. In einzelnen Straßenzügen in Kreuzberg liegt die Arbeitslosenrate zwischen 30 und 50 Prozent – etwa rund um die Wrangelstraße. Mit einem monatlichen Durchschnitts-Nettoeinkommen von unter 1200 Euro leben die Friedrichshainer und Kreuzberger im statistisch ärmsten Bezirk Berlins.

Den Stimmbezirk trennt die Spree. Und noch immer werden nördlich des Flusses niedrigere Tariflöhne und Renten bezahlt als südlich davon. Doch nicht nur der Ost-West-Gegensatz zerschneidet den Stadtteil. Besonders das östliche Kreuzberg ist von der kulturellen und sozialen Vielfalt, aber auch von den Problemen der multikulturellen Gesellschaft geprägt. Für fast ein Viertel der Menschen im Kreuzberger Teil des Stimmbezirks stellt sich die Wahl-Frage gar nicht: Ohne deutschen Pass dürfen sie nicht wählen. Dabei schreit das bildungspolitische Desaster nach einer politischen Antwort. Denn in Kreuzberg gibt es Grundschulen mit bis zu 90 Prozent türkischen Schülern in einer Klasse, die oft weder richtig Türkisch noch Deutsch können. In Friedrichshain hingegen sind die deutschsprachigen Grundschüler fast unter sich. Ähnlich verhält es sich in vielen Gymnasien.

Angesprochen auf ihre Chancen geben sich die drei aussichtsreichen Kandidaten optimistisch. Ströbele hofft „auf 31 bis 32 Prozent“. Grygier ist sich sicher, dass sie „mit fünf Stimmen Vorsprung gegen Matthae gewinnt“. Und der wiederum meint, dass er zweimal Zweiter wird und trotzdem das Direktmandat gewinnt. „Im Westen verliere ich gegen Ströbele, im Osten gegen Grygier, aber zusammengezählt reicht es.“

In der Serie über die Wahlkreise erschienen bislang Beiträge über den Wahlkreis 80 (1. September), 82 (2. September), 78 (3. September), 79 (4. September), 81 (6. September), 76 (7. September), 86 (9. September) und 77 (12. September).

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