Berlin : Dringend gesucht: Eine Zukunft für die Schülerläden

Weil die Hortbetreuung bald entfällt, sind Einrichtungen gefährdet

Katja Gartz

Die Garderobenhaken werden tiefer gehängt, große Stühle gegen kleine ausgetauscht – die Renovierungsarbeiten gehen voran. Der Friedenauer Schülerladen „Kind und Umwelt“ richtet sich für Vorschulkinder ein. Denn die 38 Hortkinder werden bald nicht mehr kommen, sondern werden künftig am Nachmittag in der Schule betreut. Deshalb schloss sich die Einrichtung auch mit der benachbarten Kita „Himpelchen und Pimpelchen“ zusammen. „Wir strecken unsere Fühler nach allen Seiten aus, um die Kita vor einer Schließung zu bewahren", sagt Erzieherin Manuela Dentsch-Gruwe. Zur Rettung der Einrichtung laufen erste Kooperationsgespräche mit der nahen „Stechlinsee-Grundschule“. Dort mangelt es an Räumen für die Nachmittagsbetreuung. „Wir können uns die Zusammenarbeit mit der Kita durchaus vorstellen, brauchen allerdings Hortplätze für 150 Schüler", sagt Schulleiter Paul Josef Born.

Hintergrund der Neuorientierung ist das neue Schulgesetz. Ganztagsangebote an den Schulen sollen ausgebaut werden, dafür sollen alle Hortplätze – sowohl öffentlicher Kitas als auch in freier Trägerschaft – in den nächsten zwei Jahren an die Grundschulen übertragen werden. Davon betroffen sind in Berlin insgesamt etwa 36 000 Hortplätze. Kindertagesstätten von freien Trägern haben die Option, sich in Kindergärten umzuwandeln. In gleichem Umfang, wie die freien Träger Hortplätze an Grundschulen abgeben, sollen Kindergartenplätze bei städtischen Kitas abgebaut werden. Schließlich sollen künftig zwei Drittel aller Kitaplätze von freien Trägern betrieben werden. Überzählige Erzieher aus kommunalen Kitas sollen dann vor allem in Grundschulen mit einer Schülerbetreuung von 7.30 bis 13.30 Uhr arbeiten.

Für private Schülerläden bedeutet das: Wollen sie ihren Betrieb weiterführen, müssen sie entweder ein Kinderladen werden oder mit Schulen zusammenarbeiten. „Denkbar ist, dass eine Grundschule mit einem freien Träger kooperiert, auch ein Verbund aus mehreren Einrichtungen mit einem Ansprechpartner ist möglich", sagt Angelika Schoettler (SPD), Jugendstadträtin in Tempelhof-Schöneberg. Zu einem solchen Verbund haben sich bereits 17 Kreuzberger Schülerläden zwischen Bergmann- und Gneisenaustraße zusammengeschlossen. Sie wollen mit den vier im Kiez ansässigen Grundschulen kooperieren. „Ein Schülerladen könnte Filmprojekte anbieten, ein anderer Töpfern, die Betreuung gehört immer dazu", sagt Michael Schuppe vom Schülerladen „Mehringhof“. Er kann sich auch Angebote am Wochenende und während der Ferien vorstellen. Die Möglichkeit einer Kooperation besteht bisher jedoch nur auf dem Papier, die Umsetzung ist noch völlig ungeklärt. Den Eltern werden die 25 Hortplätze in der Kita „Mehringhof“ bis 2006 garantiert; wo die Kinder danach betreut werden, ist aber ungewiss.

Trotz aller Bemühungen sieht Michael Schuppe auf die Schülerläden schlechte Zeiten zukommen: „Wird es eine Zusammenarbeit mit den Schulen nur nach 13.30 Uhr geben, müssen die Kitas freier Träger schließen, weil dann 30 Prozent der finanziellen Mittel wegfallen", sagt der Erzieher. Auch eine Umwandlung in Kindergärten sei keine Alternative, da im Kiez bereits ausreichend Plätze für kleinere Kinder vorhanden seien. Für den Schülerladen „Blechkuchen“ in Pankow ist der Kindergartenbetrieb ebenfalls keine Perspektive. „Wir haben die Einrichtung und die Spiel- und Lernmaterialien auf die Bedürfnisse von Schulkindern ausgerichtet", sagt Erzieherin Patricia Streich.

Der „Blechkuchen“ in der Christburger Straße wie auch zwei weitere Schülerläden in der Umgebung buhlen zwecks Kooperation um die Gunst der „Grundschule an der Marie“. Schließlich entscheidet allein die Schulleitung, mit welchem freien Träger die Schule zusammenarbeiten wird. In den östlichen Bezirken ist die Konkurrenz noch stärker, da an den Schulen bereits Hortplätze und Erzieherinnen für die Nachmittagsbetreuung vorhanden sind. Noch werden in der „Blechkuchen“-Kita 30 Schüler von sechs Erzieherinnen betreut, im Schulhort könnten es fünf Erzieher weniger sein.

„Werden die Kinder in den Schulhorten mangels Personal und Räumlichkeiten nur verwahrt, bleiben alle Vorteile der Ganztagsschule ungenutzt", sagt Alexandra van der Brock, Vorstandsmitglied des Trägervereins. Sie hofft, dass ihr Sohn Joshua auch die nächsten Jahre noch im „Blechkuchen“ spielen und lernen kann.

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