Dritte Generation Ostdeutschland : Tagesspiegel-Reporter erzählen vom Wendeumbruch

Das Netzwerk "3te Generation Ost" tagte am Wochenende in Berlin. Bei einem Generationengespräch des Tagesspiegels erzählten Reporter vom Umbruch zur Wendezeit, sprachen über Überlebensstrategien im SED-Staat und das Zusammenwachsen von Ost und West.

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Kaum war die Mauer weg, bestürmten ihn die Landsleute aus dem Westen mit Fragen. „Wie habt ihr das ausgehalten? Und wie geschafft, in der Diktatur privat und beruflich zu überleben? – „Na, dann erzählen wir es denen mal“, hat sich Lothar Heinke damals gesagt und viele Artikel geschrieben. „Dann mach’ ich mal ein bisschen seelischen Striptease.“

Der heute 79-jährige Tagesspiegel-Reporter war damals Lokalchef der vormaligen DDR-Zeitung „Der Morgen“, die sich zur Wendezeit rasch vom SED-Führungsanspruch lossagte und kritisch schrieb. Aber wie ging Heinke in den vielen Jahren zuvor als Redakteur des „Morgens“, bei dem er seit 1959 arbeitete, mit der Schere im Kopf um? Es war eine tägliche Balance zwischen seiner „großen Liebe zum Beruf und dem Frust über das befohlene Vakuum des Denkens“, wie er erzählt. Nein, beschönigen will er nichts. Der „real existierende Gehorsam“, sagt er, habe jeden irgendwie in Schuld verstrickt.

Lothar Heinke gehört zur ersten Generation Ost. Am Samstagabend saß er auf dem Podium im Collegium Ungaricum in Mitte neben einem wesentlich jüngeren Journalisten der dritten Generation Ost: Robert Ide, 38, in der DDR aufgewachsen, als Jugendlicher in die neue West-Gesellschaft geraten, Autor zweier Bücher über die Wendekinder und heute Leiter der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Zusammen brachten beide genügend Lebens- und Berufserfahrungen mit für eine unterhaltsame Lesung und ein Generationengespräch mit dem Publikum und Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt (51). Etwa 100 Mitglieder des Netzwerkes „3te Generation Ost“ waren zuvor zu einem Generationentreffen zusammengekommen. Gemeinsam versuchten sie herauszufinden, wie sie die DDR noch geprägt hat. Und welche Kompetenzen und Stärken sie auf dem teils schweren Weg ins neue Gesellschaftssystem erworben haben.

In der abendlichen Debatte ging es um Überlebensstrategien im SED-Staat, um Gewissensfragen und auch um Gemeinsamkeiten von Ost und West. Lorenz Maroldt hat dieses Zusammenwachsen wie Lothar Heinke von Beginn an journalistisch begleitet. Auch er schrieb bereits 1991 für den Ost-Berliner „Morgen“, obwohl er damals von Köln nach Berlin kam. „Die Wende, das war für uns Zeitungsmacher eine Goldgräberzeit, turbulent und spannend“, erinnert er sich.

Ideologisch aufgeladene Debatten sind bis heute geblieben

Der jüngste des Bühnen-Trios, Robert Ide, kam Mitte der 90er Jahre als Praktikant zum Tagesspiegel. „Wenn die Redaktion damals über Frankfurt in Hessen schrieb, hieß das nur Frankfurt, den Zusatz ,am Main’ ließ man weg“, erzählt Ide. Das war für die frühere West-Berliner Zeitung lange selbstverständlich, obwohl Frankfurt (Oder) doch gleich um die Ecke liegt. Erst langsam setzen sich die genauen Bezeichnungen durch. „Das waren die kleinen Revolutionen, diese Stückchen Anerkennung, die uns zusammenbringen“, erzählt Ide.

Doch ideologisch aufgeladene Debatten zwischen Ost und West sind bis heute geblieben. Es begann im Januar 1991 mit dem Kampf, der nicht nur auf Berliner Straßen um den Grünen Pfeil tobte, ein bis heute erhaltenes DDR-Relikt. Lorenz Maroldt liest eine Satire vor, die er damals zum Streit im Senat schrieb. Es folgte das Gezerre um den Palast der Republik. Und heute? Da jammern manche, Berlins Westen werde plattgemacht, weil die Motorrad-Akrobaten der Polizei nicht mehr starten dürfen. Und am Alexanderplatz erschallt hin und wieder der Ruf nach Abbruchbaggern. Da holt Lothar Heinke aus seiner Artikelmappe mit Schwung einen Kommentar heraus, den er jüngst zur Kritik am angeblich öden Alex schrieb: „Einfach weg damit, das ging schon vor zwanzig Jahren schief. Das ist kein Beitrag zur Einheit.“ Man müsse Gewachsenes doch erst mal ernst nehmen und dann weiterentwickeln. „Hat schon mal jemand den Ernst-Reuter-Platz komplett infrage gestellt?“

Heinke genießt heute „die Freiheit, zu schreiben, was ich denke“. Aber es gibt noch die alte Garde seiner Generation, die der DDR hinterhertrauert. Robert Ide hat sie beobachtet, als der letzte DDR-Staatsratschef Egon Krenz im vergangenen Sommer in Mitte vor seinen verbliebenen Fans einen Auftritt hatte. Er liest aus einer anderen Welt: „,Wir sind Saurier hier’, ruft ein Mann. ,Wie soll das jetzt alles weitergehen?’“ Für die dritte Generation Ost sind die Saurier eher bizarre Kauze. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern ist da schon wichtiger. Wie hielten sie es mit der DDR? Wie kamen sie da zurecht? „Das müssen wir unsere Eltern unbedingt fragen“, sagt Robert Ide.

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