Berlin : Drittes Reich: Suche nach Manfred und Anni

Stephanie Jochim

Wo ist Manfred Gottschalk? Lebt er noch? Was ist passiert, nachdem der 15-jährige Jude am 7. Juli 1935 von den Nazis in Schutzhaft genommen wurde? Und Anni R.? Lebt sie noch? Was war geschehen, bevor sie mit Manfred in einem Hausflur von der Polizei aufgegriffen wurde? Hatte er sie vergewaltigt, wie das Naziblatt "Der Stürmer" berichtete? Oder stimmt die Version eines SPD-Korrespondenten, der schrieb, dass sich die beiden in dem Flur versteckten, weil die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt hinter ihnen her war?

Die Liste der Fragen ist lang und der Wissensdurst von neun Mädchen und Jungen der Walter-Gropius-Schule in Neukölln groß. Seit wenigen Wochen forschen sie im Rahmen ihres Geschichtsunterrichtes nach dem Schicksal von Manfred und Anni. Karoline Scholtz zeigt einen Computer-Ausdruck: "Wir werden Zettel in der Gegend, wo Manfred gewohnt hat, aufhängen. Vielleicht meldet sich jemand, der ihn kannte", sagt die 14-Jährige. Die Neuntklässler wollen sich Material in Uni-Bibliotheken suchen, Historiker befragen, Schul- und Polizeiakten durchsehen. Statt unbeteiligt in Schulbüchern zu blättern und Jahreszahlen auswendig zu lernen, lesen die Schüler im Nazi-Propagandablatt "Der Stürmer" und in den "Deutschland-Berichten der SPD".

Purer Zufall war es, dass die neun Schüler in den SPD-Berichten auf die Geschichte von Manfred und Anni stießen. "Die beiden waren in unserem Alter, als es passierte", sagt Piotr. In wenigen Sätzen fasst er zusammen, wie der SPD-Berichterstatter die Geschichte von Manfred und Anni erzählt. Der 15-jährige Jude Manfred war befreundet mit der nichtjüdischen Anni, die damals 13 war. "Ich bewundere die beiden, weil sie Freunde waren, obwohl das in der Zeit nicht leicht war", sagt Piotr. Das junge Pärchen wurde auf Drängen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) hin von älteren Schülerinnen auf dem Schulweg verfolgt, beobachtet und belästigt, so dass sie in einen Hausflur flüchteten. Dort griff sie die Polizei auf. Ein Fotograf vom "Stürmer" war gleich zur Stelle. Der Junge wurde verhaftet und per Handzettel rief die NSV zu einer "spontanen Kundgebung" vor dem Haus auf, in dem Manfred mit seinen Eltern wohnte. Anni kam in ein Erziehungsheim und gestand auf Suggestivfragen hin, dass Manfred sie vergewaltigt hätte.

Als die Schüler auf das Thema stießen und sich dafür interessierten, erkannte ihr Geschichtslehrer Karl-Heinz Hofmeister-Lemke, dass er damit seinen Schülern Umstände und Zustände im Dritten Reich auf eine interessante und zugleich effektive Weise nahebringen kann. Er besorgte eine Ausgabe vom "Stürmer" mit dem ensprechenden Datum. Die Geschichte von Manfred, versehen mit Hetzparolen, auf Seite Eins: Manfred habe Anni zuerst 40 Pfennige geboten, damit sie mit ihm in den Hausflur gehe. Als sie ablehnte, habe er einen Freund zum Schmierestehen herangeholt und das Mädchen in dem Hausflur vergewaltigt. Auf einem Foto wird Manfred kurz nach der "Tat" gezeigt. Mit traurigem Gesichtsausdruck steht er an einer Hauswand.

"Quellenkritisch bleiben!", sagt Hofmeister-Lemke und schaut seine Schüler prüfend an. Sie können nicht anders, als dem SPD-Text mehr Glauben zu schenken als dem "Stürmer". Aber Hofmeister-Lemke legt Wert darauf, dass sie alle Texte so kritisch wie möglich lesen. Den Schülern ist auch bewusst, dass ihre Recherchen den SPD-Text eventuell nicht vollends bestätigen können. Aber das schreckt die neun nicht ab, zumal es am Wichtigsten ist, mehr über die damalige Zeit zu erfahren. "Die beiden tun mir schon leid, aber ich will auch die Wahrheit wissen, was damals passiert ist", sagt der 14-jährige Patrick Krüger.

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