Berlin : DRK Berlin vor der Pleite: Verdrängt, vertuscht, zuviel versprochen

Christoph Stollowsky

Es waren gedeihliche Jahre, in denen sogar Wohltäter ein wenig Speck ansetzten. "An der Güntzelstraße hat das Rote Kreuz ein neues Haus gebaut. Eine schmucke Bleibe für die Kreisstelle", meldete der Tagesspiegel im August 1962. Tadellos ausgeglichen war damals die Bilanz, euphorisch der Jahresbericht, ungetrübt das Renommee des Wohlfahrtsverbandes. Das DRK in Berlin - ein Paradebeispiel für Politiker, wie Sozial- und Gesundheitsdienste auch unabhängig vom Staat bestens funktionieren können. Doch vier Jahrzehnte später hat dieses Bild Schrammen bekommen. Jetzt droht die Pleite, von Fehlentscheidungen und Skandalen ist die Rede, es wurden Schulden verdrängt, vertuscht und vieles beschworen, was sich als leere Versprechung erwies.

Ein Blick zurück macht das deutlich. Denn das DRK gerät in diesen Tagen nicht zum ersten Mal in die Malaise. Bereits Anfang der 90er Jahre wurden "die Grundsätze einer ordnungsgemäßen Geschäftsführung vernachlässigt", wie die damalige Rot-Kreuz-Spitze eingestand. 35 Millionen Mark Schulden liefen auf, Dilettantismus und zwielichtige Aktivitäten erschütterten das Vertrauen in den Verband: Beim Verkauf von Grundstücken kassierte das DRK in Unkenntnis des Immobilienmarktes zehn Millionen Mark zu wenig, beim Abschluss von Mietverträgen für Flüchtlingsheime einigte man sich auf überhöhte Preise und bekam dafür eine saftige Provision. Nachdem alles aufgeklärt war, versprach das DRK-Präsidium, man werde künftig kostenbewusst arbeiten und das Mauscheln lassen.

Stattdessen häufte der Verband inzwischen Schulden von mehr als 100 Millionen Mark an. Nun setzt er seine letzten Hoffnungen auf einen Mann in der Geschäftsstelle an der Bundesallee 73, der dort seit Montag über den Büchern sitzt. Es ist der Insolvenzverwalter. Der Landesverband hat in der vergangenen Woche Konkurs angemeldet.

Ein Schritt in der Not, den andere Wohlfahrtsverbände wie die Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt mit gemischten Gefühlen betrachten. Denn längst nicht alles, was die Kollegen unter dem Roten Kreuz in Bedrängnis brachte, ist hausgemacht. Es gab Herausforderungen im vergangenen Jahrzehnt, die alle freien Träger ins Schleudern brachten und einen schmerzhaften Wandel erzwangen, vor dem sich das DRK allerdings besonders lange drückte: den Abschied vom reinen Vereinsgebaren und den Einstieg ins moderne Management. "Unsere Verbände sind heute Großunternehmen", sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Oswald Meininger. "Wir bieten soziale Leistungen an."

Bis zur Wende war die Situation dagegen bequem - dank des "Selbstkostendeckungsprinzips". Wer seine Ausgaben für Senioren-Clubs oder Behinderte nachwies, bekam sie anstandslos aus öffentlichen Kassen erstattet. Das verführte zur Schludrigkeit. "Man musste nicht scharf auf die Kosten schauen", sagt Professor David Cramer von der Fachhochschule für Sozialarbeit. Und das Rote Kreuz hatte ein zusätzliches Ruhekissen. Bis heute erhält es dank seines Doppeljobs als Sozial- und Katastrophenhelfer die meisten Spenden aller Verbände. Damit wurden einst auch Immobilien gekauft und später Finanzlöcher gestopft.

Doch seit Beginn der 90er Jahre gerieten die bisherigen Spielregeln nach und nach außer Kraft. Der tiefste Einschnitt kam 1995 mit dem vom Bund beschlossenen Pflegeversicherungsgesetz und der Erkenntnis, dass Berlin tief in den roten Zahlen steckt. Seither werden die Kosten aller Projekte im Voraus geschätzt. Wieviel Geld ein Träger letztlich bekommt, hängt vom Abgeordnetenhaus ab. Laufen die Kosten aus dem Ruder, besteht laut Gesetz kein Anspruch auf Nachzahlungen. Und in der Vergangenheit war das Land zunehmend knickrig. "Die Zuwendungen gingen jährlich fünf Prozent zurück", erklärt Caritas-Chef Axel Bünner.

Hinzu kam die wachsende Konkurrenz privater Firmen, die gleichfalls eine Vielzahl sozialer Leistungen von der ambulanten Krankenpflege bis zur Altenhilfe anbieten und meist niedrigere Löhne zahlen. Das neue Pflegegesetz hatte ihnen den Einbruch ins frühere Monopol der freien Träger erleichtert, weil sich der Bund davon kostendämpfende Impulse erhoffte. Die Verbände sollten ihre Arbeit effizienter organisieren.

Das ist auch geschehen: So gut wie alle Berliner Wohlfahrtsorganisationen entließen bis zu einem Drittel ihres Personals und rationalisierten, was das Zeug hielt. Auch das DRK trennte sich von 400 Mitarbeitern (siehe Kasten). Doch nun ist aus Sicht der Verbände das ökonomische Prinzip ausgereizt. "Man kann die Qualität einer sozialen Leistung nicht nur mit dem Rechenschieber bestimmen", heißt es unisono. Und der Paritätische Wohlfahrtsverband droht: "Bisher wurden nur einzelne Einrichtungen geschlossen. Wird weiter gekürzt, beginnt der Kahlschlag".

Beim Sozialsenator sieht man das anders. "Es gibt noch Einsparpotentiale", heißt es. Dem DRK werden diese alleine aber wenig helfen. Es muss wegen der vielen hausgemachten Fehler weit mehr opfern, als normalerweise nötig gewesen wäre. So angenehm wie 1962 wird es die Schulden nicht los. Damals hat der Senat 220 000 Mark Miese ohne Murren übernommen.

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