Berlin : Drogen: Furcht vor Heroin-Schwemme wegen fallender Opium-Preise

Holger Wild

Anfang September kostete das Kilo Rohopium in Afghanistan 700 Dollar. Unmittelbar nach den Terror-Anschlägen in den USA ist der Preis auf 90 Dollar gefallen, wie die UN-Drogenkontrollbehörde UNDCP in Wien berichtet, jetzt steht er bei 190 Dollar. Möglicherweise räumten die Bauern vor den erwarteten Gegenschlägen der USA ihre Lager. In den letzten Jahren stammten über drei Viertel des weltweit angebauten Opiums - Ausgangsstoff für Heroin - aus Afghanistan. Steht Europa eine Heroinschwemme bevor?

Noch sei davon auf dem Markt nichts spüren, sagt die Berliner Drogenbeauftragte Elfriede Koller. Der Heroin-Preis in Berlin könne "kaum noch billiger werden". Ihren Angaben zufolge kostet ein "Schuss" derzeit 60 Mark. Sie sei skeptisch, ob sich daran in nächster Zeit viel ändern werde. Auch wenn in Afghanistan in der letzten Zeit sehr viel Opium verkauft worden sei, so müssten diese Mengen erst einmal nach Europa gelangen. "Aber in der Region sind derzeit doch alle in Alarmbereitschaft." Die logistischen Aufgaben der Schmuggler könnten nach Kollers Meinung jetzt größer sein als zuvor - folglich könnte der Heroinpreis in Europa auch steigen.

Dieser Vermutung entspricht die Aussage einer Mitarbeiterin des Drogennotdienstes. Sie habe von Abhängigen gehört, dass der "Stoff nicht mehr so gut sei, weil nicht mehr soviel durchkommt". Der Preis habe sich aber nicht geändert. Bei der Suchtberatung "Königsberger 11" dagegen wird von Gerüchten berichtet, denen zufolge billigeres Heroin in etwa zwei Wochen auf den Markt kommen werde. Andere Drogenberatungsstellen wiederum haben bislang von keinerlei Änderungen gehört. Das Landeskriminalamt hält es "nicht für sinnvoll", über die polizeiliche Einschätzung Auskunft zu geben.

Einer Sprecherin des UNDCP zufolge wird man erst in einigen Monaten abschätzen können, ob und wie sich der Preisverfall auf den Heroin-Markt in Europa auswirkt. "Der Trend wird sich an der Menge des beschlagnahmten Rauschgifts zeigen." Dass es für die Schmuggler jetzt schwieriger wird, nimmt sie aber nicht an. Die afghanischen Grenzen zu Iran und Pakistan - den Haupt-Transitländern - ließen sich beim besten Willen nicht lückenlos kontrollieren.

Im Juli letzten Jahres hatte die Taliban-Führung die Opium-Produktion als "unislamisch" verboten. Laut des gestern vorgestellten UNDCP-Berichts über den Anbau von Schlafmohn zur Opiumgewinnung wurde das Verbot auch weitgehend umgesetzt: die Opiumproduktion in Afghanistan ging 2001 um 94 Prozent zurück. Beobachter nehmen jedoch an, dass die Lager der Bauern zuvor gut gefüllt waren und das Verbot nicht nur eine Konzession an den Westen darstellte, sondern auch dazu diente, die Preise stabil zu halten. Die Taliban erheben eine Steuer auf den Opium-Verkauf. Unbestätigten Berichten aus Afghanistan zufolge wird in einigen Regionen seit Beginn der Saatzeit vor einigen Tagen erneut Schlafmohn angebaut.

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