Berlin : Drogengeschäfte im Gebüsch – und die Polizei schaut zu

Nach der Messerstecherei in der Hasenheide machen die Dealer unbeirrt weiter

Tanja Buntrock

Die Frau, Ende 20, ist zierlich, trägt Jeansjacke und eine Wollmütze: Typ Germanistik-Studentin. Sie schaut sich um, dann fragt sie den schwarzen, hochgewachsenen Mann direkt: „Verkaufst du Gras?“ Der nickt und sagt „Follow me.“ Sie wolle Stoff für 50 Euro, raunt sie ihm zu. Nach einigen Metern auf dem Spazierweg in der Neuköllner Hasenheide schlägt sich der schwarze Mann ins Gebüsch, nestelt aus dem Unterholz ein Tütchen mit dem Marihuana heraus, übergibt es der junge Frau und nimmt dabei den zusammengerollten 50-Euro-Schein entgegen. Die Aktion, wie gestern beobachtet, hat höchstens zwei Minuten gedauert.

Alltag in der Hasenheide. Der Neuköllner Volkspark gilt als Drogenschwerpunkt in Berlin. Und der Verkauf von Drogen wie Haschisch und Marihuana geht auch nach dem Vorfall vom Ostermontag weiter – so, als sei nichts passiert. Dabei ist der 21-jährige Bongura K., Asylbewerber aus Sierra Leone, mit einem Messerstich in den Rücken lebensgefährlich verletzt worden.

Zuvor hatte es einen Streit zwischen Schwarzafrikanern und Arabern gegeben. Insgesamt 30 bis 40 Leute sollen daran beteiligt gewesen sein. „Wir können nur vermuten, dass es Revier-Streitigkeiten waren zwischen den beiden Gruppen“, sagt Carsten Wendt, Referatsleiter für Verbrechensbekämpfung der Direktion 5. Er prophezeit: „Viel mehr werden wir auch bei einer Vernehmung des Opfers nicht herausbekommen. Der wird nicht viel dazu sagen.“ Und die Zeugen, die beobachtet haben, wie die Gruppenmitglieder mit Ästen aufeinander losgedroschen haben, wissen auch nichts Genaues über die Hintergründe.

Doch eine Auseinandersetzung um Revierstreitigkeiten liegt nahe. Seit mehreren Jahren haben sich Schwarzafrikaner und Araber das „Naherholungsgebiet“ in der Hasenheide zum Drogenverkauf aufgeteilt. „Normalerweise kommen die sich nicht in die Quere: Sonst hätten wir ja jeden Tag eine Messerstecherei“, sagt Wendt.

Doch gegen den Drogenhandel der Asylbewerber aus Afrika und der arabisch-stämmigen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger scheint die Polizei machtlos. Warum sonst stehen immer wieder dieselben Leute an der selben Stelle und preisen Drogen an? Und das, obwohl täglich zivile und uniformierte Beamte das rund 50 Hektar große Areal durchstreifen. „Wir haben zu wenig Kräfte, um die ganze Hasenheide jeden Tag an jeder Stelle zu kontrollieren“, sagt Wendt. Und wenn die Beamten – teilweise hinter Büschen versteckt – einen Deal beobachten und einschreiten, dann reicht es so gut wie nie für eine Festnahme. Die Gründe: Die Dealer haben nur geringe Mengen Drogen bei sich. Den Rest bunkern sie in Erdlöchern in den Gebüschen. Zudem arbeiteten sie mit einem ausgeklügelten „Frühwarnsystem“: Im Sommer trommeln die Bongo-Spieler schneller, wenn die Polizei naht. Ansonsten sind die Dealer so aufgestellt, dass sie sich gegenseitig über Pfiffe oder übers Handy warnen können. Es habe keine Folgen, sagt Wendt, wenn die Dealer erwischt werden: Bei den bis zu sechs Gramm, die sie höchstens dabei haben, könne keine „Händlertätigkeit“ nachgewiesen werden. Und ein Verfahren wird bei dieser Menge an Drogenbesitz von der Justiz eingestellt. Zwar könne man die Dealer vorläufig festnehmen: Aber für einen Haftbefehl reiche das, was man ihnen vorwirft, meist nicht. Denn die Schwarzafrikaner können eine Wohnadresse vorweisen. Sie kommen meist aus Ausländerheimen in Brandenburg. So, wie das Opfer vom Ostermontag: Er sei im Ausländerheim in Ludwigsfelde gemeldet gewesen, sagt Wendt. Mit Regionalzügen führen die Schwarzafrikaner morgens früh nach Berlin zum Dealen. Abends geht’s zurück ins Heim. Oder sie kommen bei Freunden in Neuköllner Wohnungen unter. Damit verstießen die schwarzen Asylbewerber „nur gegen die Aufenthaltsbestimmung“ – denn eigentlich dürften sie als Asylbewerber nicht weg aus Ludwigsfelde. Doch das dürfe lediglich mit einer Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Und dafür müssten die Schwarzafrikaner nicht einmal Bußgeld bezahlen. „Wie wollen Sie einem Asylbewerber in die Tasche fassen?“, fragt Wendt leicht resigniert.

Es sei, als kämpfe man gegen Windmühlen, sind sich die Beamten einig. Ändern könne nur eine Änderung des Ausländergesetzes möglicherweise etwas. Aber das sei nicht Sache der Polizei, sondern der Politik. Aber auch der Drogenkonsument spiele eine wichtige Rolle. Gäbe es keinen Markt für die Drogen, hätte die Polizei auch keine Probleme mit den Dealern. Doch nach den Erfahrungen der Beamten sind sich die Kunden der Dealer gar nicht bewusst, dass sie sich strafbar machen. Sie argumentieren mit den geringen Mengen: „Ich kaufe doch nur sechs Gramm, was wollt Ihr denn?“

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