Berlin : Drogenhandel vor Schule: Anwohner zwischen Angst und Ratlosigkeit

Henning Kraudzun

Auf den ersten Blick scheint die Gegend an der Schillerpromenade ein typischer Berliner Altbau-Kiez zu sein - wären da nicht die beiden Drogensüchtigen, die sich lautstark über die miese Qualität des "Zeugs" unterhalten, das sie vor kurzem gekauft haben. Dann betreten zwei Jugendliche die Szenerie. Sie sprechen kurz mit einander, und schon wechselt ein Tütchen den Besitzer. Unbehelligt.

Seit Monaten klagen Anwohner und Schulen in der Hermannstraße und dem näheren Umfeld über einen mittlerweile etablierten Drogenhandel. Vor allem auf den Stationen der U 8 wurde gedealt. Dort zumindest geht es in den letzten Wochen durch massive Kontrollen der Polizei und regelmäßige Rundgänge des Wachschutzes ruhiger zu. Jetzt weichen die Dealer auf die Nebenstraßen aus.

Angst vor dem Weg zur Schule

Bereits zu Beginn des Jahres hat die Rektorin der Carl-Legien-Berufsschule, Helga Köppen, auf die Zustände in der Leinestraße hingewiesen. Vor allem Mädchen seien von Dealern belästigt und angegriffen worden, sagte sie damals. Bis heute hat sich nichts verändert. Die Gewalt habe gar noch zugenommen, und der Drogenhandel laufe jetzt teilweise direkt vor dem Schulgelände ab. "Alle Appelle nützten bislang wenig, jetzt müssen wir wohl mit der Situation leben", sagt Köppen. Viele Schüler seien eingeschüchtert und trauten sich nicht mehr, den Weg zwischen U-Bahnstation und Schule zu gehen - ein Überfall auf ein Mädchen hat die Ängste verstärkt. Auch die Anwohner fühlen sich von der Polizei vergessen: "Warum können die nicht mal hier lang laufen?" fragt eine junge Frau, die mit resignierendem Schulterzucken den Dialog der Junkies beobachtet hat. Die Gegend sei von allen guten Geistern verlassen, sagt sie.

Inzwischen haben Bezirkspolitiker, BVG und Polizei einen Runden Tisch gegründet, um sich über die Problematik des Drogenhandels zu "verständigen". Seit dem letzten Treffen ist jedoch schon einige Zeit vergangen: Es fand im Juni statt. Im Frühjahr gab es auch eine öffentliche Anhörung, zu der die freien Träger geladen hatten. Dieses "Drogen-Hearing" blieb bis heute das einzige. "Damals haben wir uns an das Bezirksamt gewandt und um Unterstützung gebeten", sagt Martin Buchweitz-Sautier, Chef der Arbeitsgemeinschaft Drogenprobleme e.V. (AGD). Ein Konsens der Gespräche war: Man wollte Repressionsmaßnahmen vermeiden und andere Lösungen suchen.

Die AGD versucht seit Jahren, die Verelendung zu mildern. Der Verein betreibt eine Drogenberatungsstelle im Kiez, die "Confamilia". Vor kurzem wurde ein neues Projekt eröffnet: der Kontaktladen "Linie 8". "Abhängige können dort ohne Vorbedingungen hinkommen und erhalten Hilfe", sagt Buchweitz-Sautier. In den Räumen können sie einen Kaffee trinken oder ihre Wäsche waschen und trocknen. Auch eine medizinische Beratung wird angeboten. Neuköllns Gesundheitsstadtrat Heinz Buschkowski (SPD) sieht in der Betreuung durch freie Träger derzeit den wirksamsten Ansatz zur Verringerung der Probleme: "Verschwinden werden die Dealer nicht, auch wenn die Polizei sie durch den ganzen Bezirk treibt."

"Wir dürfen die ja nicht mal anfassen"

Der Runde Tisch, der von der Bezirksverwaltung und dem Quartiersmanagement Schillerpromenade organisiert wurde, brachte zumindest eine Kooperation zwischen BVG und Polizei. "Was dort verabredet wurde, ist auch eingehalten worden", sagt Kerstin Schmiedeknecht vom Quartiersmanagement. Die Polizei verpflichtete sich, stichprobenartige Kontrollen durchzuführen. Zusammen mit Angestellten der Verkehrsbetriebe gingen die Gesetzeshüter durch die U-Bahnhöfe zwischen Schönlein- und Leinestraße. "Bis Oktober waren das über 60 Einsätze", sagt Barbara Mansfield, Sprecherin der BVG. Auf den Stationen laufe der Wachschutz 10 bis 20 Mal Streife am Tag. "Weiter ist nichts möglich, wir dürfen die Leute ja noch nicht mal anfassen." Die ganze Angelegenheit sei eher eine politische Entscheidung, zudem eine juristische. "Damals war der Druck der Öffentlichkeit groß, irgendwas musste passieren", ergänzt Quartiersmanagerin Schmiedeknecht. Auch sie befürwortete keine Verdrängung, sondern eine wirksame Drogenhilfe an Ort und Stelle.

Die Beamten in der zuständigen Polizeidirektion 5 versuchen hingegen, die Drogenhändler unter Druck zu setzen: "Durch häufige Präsenz wollen wir die Dealer verdrängen und ihre Handelsgrundlage stören", sagt Stefan Weis, Referatsleiter für öffentliche Sicherheit. Je nach Einsatzort würden die Dealer von den "Brennpunkten" vorerst verschwinden, dadurch entspanne sich die Situation. Seit Jahren kreist die Szene so um das Kottbusser Tor, den Hermannplatz, die Hasenheide und die Stationen der U 8. Im vorigen Jahr kontrollierten die Polizisten an den genannten Orten über 31 000 Personen. In 1848 Fällen wurde Anzeige gestellt. Über 39 Kilogramm Drogen wurden beschlagnahmt. "Die Leinestraße und ihr Umfeld zählten bis jetzt noch nicht zu den Zentren der Drogenkriminalität", sagt Weis. Daher sei man auf Hinweise und Beschwerden angewiesen, aber bis jetzt sei von dort kaum angerufen worden. Dennoch habe man in dieser Gegend massive Kontrollen durchgeführt - insgesamt 37 bis Ende September. Dabei seien 130 Personen überprüft und 30 Platzverweise ausgesprochen worden. Er werde jetzt die Dienstgruppen ansprechen, damit diese in der Nähe der Carl-Legien- Oberschule öfters Präsenz zeigen. "Wenn wir Dealerei feststellen, werden wir sie auch dort verdrängen." Und wieder wird sich die Szene verlagern.

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