Berlin : Drogenkurierin: Kostenloser Türkeiurlaub wird "teuer"

Thomas Seibert

Andrea R. wagte nicht, ihren Eltern die Wahrheit zu sagen, als man ihr nach der Festnahme auf dem Flughafen von Izmir ein Telefon reichte. Die 18-Jährige stammelte nur Unverständliches in die Leitung und gab den Hörer dann schnell an den Vertreter des deutschen Konsulates weiter, der ihr im Polizeiverhör beistand. Der Diplomat musste es den Eltern erklären: Gerade zehn Tage nach ihrem 18. Geburtstag hatte sich die Berlinerin am Sonntag im westtürkischen Izmir mit sechs Kilogramm Heroin im Gepäck erwischen lassen, die sie offenbar nach Deutschland schaffen wollte. Dem Staatsanwalt gestand sie türkischen Medienberichten zufolge, den Auftrag im Austausch für einen Gratis-Urlaub in Antalya angenommen zu haben.

Zunächst wurde die Frau in Untersuchungshaft genommen und in die Haftanstalt Buca außerhalb von Izmir überstellt. Das Gefängnis zählt zu den veralteten und überfüllten Anstalten, in denen die Häftlinge in großen Schlafsälen zusammengepfercht sind; das Justizministerium ersetzt diese Bauten derzeit schrittweise durch moderne Anstalten, stößt dabei aber auf den Widerstand der politischen Häftlinge. Andrea Rohloff muss allerdings nicht fürchten, in diesen teils blutig ausgefochtenen Kampf hineingezogen zu werden, da die "gewöhnlichen" Kriminellen von den politischen Häftlingen getrennt sind. Folter oder Misshandlung müssen Ausländer in den Gefängnissen nicht befürchten, wenn sie sich nicht in die innertürkische Politik einmischen.

Dennoch sind die Haftbedingungen in den feuchten Mauern der alten Anstalt sicher nicht angenehm. Das Konsulat, das Andrea R. schon mit Rat und Tat sowie einer Dolmetscherin zur Seite stand, beantragte bereits einen Besuch in Buca. Auch Zigaretten und Lebensmittel schickten die deutschen Diplomaten ins Gefängnis. Der Prozess soll vor dem Staatssicherheitsgericht von Izmir verhandelt werden. Experten gehen davon aus, dass der Fall von der Staatsanwaltschaft nicht nur als Drogenschmuggel, sondern darüber hinaus auch als organisiertes Verbrechen eingestuft wird. Nach Ansicht von Fachleuten wird Andrea R. Glück haben, wenn sie mit wesentlich weniger als zehn Jahren davonkommt.

Das bedeutet aber noch nicht, dass sie zehn Jahre hinter türkischen Gittern bleibt: Nach deutsch-türkischen Rechtsabkommen können im jeweils anderen Land inhaftierte Staatsbürger der Bundesrepublik und der Türkei nach Verbüßung eines Drittels bis einer Hälfte ihres Strafmaßes beantragen, die Reststrafe im Heimatland abzusitzen. Viele deutsche Häftlinge in türkischen Gefängnissen machen von diesem Antragsrecht aber keinen Gebrauch, sondern setzen lieber auf die Praxis der türkischen Justiz, Häftlinge bei guter Führung schon nach knapp der Hälfte ihrer Strafe freizulassen.

Gefahndet wird in der Türkei noch nach den Hintermännern der Tat - denn dass Andrea Rohloff auf eigene Faust handelte, das glauben die türkischen Sicherheitsbehörden nicht. Insbesondere eine 20-jährige Deutsche namens Nadine S. soll bei dem Deal eine Rolle gespielt haben, vermuten die Behörden nach den Aussagen von Andrea Rohloff. Nach teils widersprüchlichen türkischen Berichten soll Nadine S. der 18-jährigen in Antalya eine Tasche mit dem Heroin übergeben haben und einen Tag vor ihr mit einer weiteren Tasche nach Deutschland geflogen sein. Auch nach einem Holländer wird noch gefahndet.

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