Drogenpolitik : Justizsenatorin geht gegen Modedroge vor

Es wird kanisterweise nach Berlin geschmuggelt, mit gefälschten Rezepten gekauft und ist die zweithäufigste Droge im Jugendknast Plötzensee. Nun soll das Schmerzmittel Tilidin schwerer erhältlich werden.

Sebastian Leber

Es macht euphorisch, schmerzfrei und sehr aggressiv, es kann zu Krampfanfällen und Gewichtsverlust führen. In den vergangenen sechs Jahren hat sich das Schmerzmittel Tilidin zur Modedroge entwickelt, besonders bei türkischen und arabischen Jugendlichen ist es beliebt. Jetzt will Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) schärfer gegen den Stoff vorgehen - und sich bei ihren Länderkollegen im Bundesrat dafür einsetzen, dass Tilidin künftig voll dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt. "Man hat Tilidin viel zu lange nicht als Droge wahrgenommen", sagte die Senatorin dem Magazin "Spiegel". "Wir haben das Problem unterschätzt."

In Berlin wird Tilidin vor allem in Neukölln gehandelt, bis zu 60 Euro kostet ein Fläschchen. Den Wirkstoff holen sich die Dealer meist aus der Apotheke - mit Hilfe gefälschter Rezepte. Von knapp 2500 bemerkten Fälschungen waren voriges Jahr 90 Prozent für tilidinhaltige Medikamente vorgesehen. Hier will die Senatorin ansetzen: Bei der ersten Telefonschaltkonferenz der Länderjustizminister nach der Sommerpause möchte sie erreichen, dass die Rezepte künftig durchnummeriert, mehrfarbig auf speziellem Papier bedruckt und somit schwerer zu fälschen sein müssen.

Eine Droge für die Parallelgesellschaft

Frank Henkel, Innenexperte der CDU- Fraktion im Abgeordnetenhaus, nennt den Plan einen "Schritt in die richtige Richtung", kritisiert aber, dass Rot-Rot in der Drogenpolitik insgesamt einen "deutlich rigideren Kurs" einschlagen müsse. Andere Experten warnen, dass Tilidin schon längst nicht mehr ausschließlich über Apotheken bezogen werde, sondern auch kanisterweise aus Polen, Tschechien und den Niederlanden nach Berlin geschmuggelt und vor Ort in Flaschen umgefüllt werde. Hier sind Rezepte nicht notwendig.

Offenbar wird die Droge auch in Berlins Gefängnissen in großen Mengen konsumiert. Nach Angaben der Justizsenatorin wurden kürzlich die Insassen der Jugendstrafanstalt Plötzensee auf den Stoff getestet. Das Ergebnis: Nach Marihuana ist Tilidin dort die zweithäufigste Droge. Weil sie vor allem von türkischen und arabischen Jugendlichen eingenommen wird, spricht von der Aue von einer "Droge für die Parallelgesellschaft".

Seltsam schmerzfrei

Wie oft die aggressive Wirkung des Medikaments bei Straftaten von Jugendlichen eine Rolle spielt, ist statistisch nicht erfasst. Allerdings gab es in den letzten Jahren einige Fälle von Tilidin-Missbrauch, die Aufsehen erregten: Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, hatte das Medikament ebenso zu sich genommen wie der damals 16-Jährige, der im Frühjahr 2006 bei der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofes wahllos Menschen niederstach.

Die Berliner Polizei stellte die persönlichkeitsverändernde Wirkung des Stoffs erstmals vor sechs Jahren fest. Damals verübte eine Jugendbande in Nord-Neukölln eine Serie von Einbrüchen: Sie warf Gullydeckel in Schaufensterscheiben von Handygeschäften, räumte die Läden aus und floh anschließend im Auto - mit Tempo 150 über die Karl-Marx-Straße und die Hermannstraße, rote Ampeln wurden grundsätzlich ignoriert. Als die Mitglieder schließlich von der Polizei gestellt wurden, brauchte es viele Beamte, um sie zu überwältigen. Die Jugendlichen seien seltsam "schmerzfrei" gewesen, hieß es.

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