Berlin : Drohungen im Verkehr: Erst Hasstiraden, dann Messer und Pistolen

Jörn Hasselmann

Die Sitten im Straßenverkehr verrohen weiter. Ein Autofahrer hielt am Montagabend in Neukölln einem Radfahrer eine Pistole an den Kopf und drohte, ihn umzubringen. Der Radler soll vorher den BMW des 19-Jährigen gestreift haben. Ein Spezialeinsatzkommando nahm den Täter eine Stunde später fest. Kurz vor Mitternacht bedrohte ein Autofahrer einen anderen in einer Tiergartener Tiefgarage mit einem Messer. "Die Hemmschwelle ist wahnsinnig gesunken", sagte Verkehrsrichter Manfred Witt dem Tagesspiegel: "Erst Schimpfworte, und dann fliegen Fäuste" - oder die Messer und Pistolen werden rausgeholt.

Der BMW-Fahrer wollte gegen 20 Uhr vom Maybachufer über den Bürgersteig in eine Hofeinfahrt fahren. Weil der Radler dabei das Auto berührt haben soll, verfolgte der 19-Jährige den Radler, stieg aus und brachte ihn mit einem Fußtritt zu Fall. Dann hielt er dem am Boden Liegenden eine Gaspistole an den Kopf. Als sich eine Zeugin näherte, steckte der Mann seine Pistole ein und fuhr seelenruhig zu seiner Freundin. Wegen der Bedrohung mit einer Schusswaffe forderte die Polizei ein Spezialeinsatzkommando an, das um 21.20 die Wohnung der Lebensgefährtin stürmte. Der 19-Jährige wurde festgenommen. Der Mann sei über den Polizeieinsatz völlig überrascht gewesen, sagte ein Beamter: "Für den war der Fall erledigt als Auseinandersetzung unter Männern." In seinem BMW wurden drei Gaspistolen mit Magazinen und Patronen sowie ein zweischneidiges so genanntes Butterfly-Messer gefunden - aber keine Beschädigung am Wagen, die von einer Berührung mit dem Radler herrühren könnte. Nach der Personalienfeststellung wurde der BMW-Fahrer freigelassen, nur sein Führerschein wurde beschlagnahmt.

Kurz vor Mitternacht eskalierte der Streit zwischen zwei Autofahrern in einer Tiefgarage in der Kluckstraße in Moabit. Als ein 36-Jähriger den Fahrer eines VW aufmerksam machte, dass dieser die Ausfahrt versperre, flippte der Mann aus. Er schlug auf das Auto ein und bedrohte den 36-Jährigen mit einem Messer. Danach flüchtete er.

Zahlen, wie viele Verkehrsteilnehmer sich mit Fäusten, Messern und Pistolen beharkten, gibt es nicht, da solche Fälle in die Kriminalstatistik eingehen. Nach Angaben von Polizeioberrat Karsten Schlüter will die Polizei derartige Fälle auch in der Verkehrsstatistik erfassen, "um ein Lagebild über die Aggressivität im Verkehr zu bekommen". Schlüter sagte, dass die Zahl der Rotlichtverstöße - ein anderes Indiz für steigende Aggressivität - im ersten Halbjahr 2000 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 36 Prozent zunahm, die Raserei um 13 Prozent und die Unfallfluchten um 8,5 Prozent. Besonders aggressiv seien 30- bis 50-jährige und 18- bis 21-jährige Männer. Frauen dagegen fallen so gut wie nie durch Aggressivität auf. Verkehrsrichter Witt sagte, dass immer öfter auch das "Auto als Waffe" eingesetzt werde. "Das ist neu." Auffällig sei, dass die Aggressivität im Straßenverkehr im Ausland viel seltener sei. Nur mit der steigenden Verkehrsdichte lasse sich die Gewaltbereitschaft und die Aufrüstung hinterm Lenkrad nicht erklären. Erst vor zwei Monaten entdeckte die Polizei bei einer Kontrolle in Marzahn eine geladene und gesicherte Luftdruckpistole auf den Oberschenkeln des Fahrers. 1997 hatte ein Autofahrer bei einer Kontrolle ebenfalls in Marzahn unvermittelt das Feuer auf drei Zivilpolizisten eröffnet. Nach einer Schießerei in Lichtenberg im Sommer hatte Landesschutzpolizeidirektor Piestert angekündigt, dass Polizisten zukünftig auch bei Routineeinsätzen mit gezogener Dienstwaffe kontrollieren. Im Juni hatte der Fahrer eines BMW einem Polizisten die Waffe entrissen und gefeuert. Der Tobende konnte erst durch einen Schuss in den Fuß gestoppt werden. 1996 war ein Fahrer auf der Autobahn kurz vor Berlin von einer geistesgegenwärtigen Beifahrerin fotografiert worden, als er sie aus dem Fenster mit einer Pistole bedrohte.

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