Berlin : Druck auf dauerkranke Lehrer

Schulsenator will arbeitsunfähige Pädagogen in Frühpension schicken und ihre Stellen neu besetzen

Susanne Vieth-Entus

Die Bildungsverwaltung will offenbar nicht mehr akzeptieren, dass kranke Lehrer auf lange Dauer Stellen blockieren. Nach Angaben des Hauptpersonalrates dringt sie darauf, dass nach spätestens drei Monaten mit Hilfe eines Amtsarztes eine Klä rung herbeigeführt wird, ob der Pädagoge wieder arbeitsfähig ist. Andernfalls soll die Frühpensionierung als Alternative geprüft werden. Dagmar Poetzsch vom Hauptpersonalrat nannte diesen Druck gestern „anstöß ig“.

Hintergrund der Auseinandersetzung ist der dramatische Anstieg der Zahl dauerkranker Lehrer: Aktuell stehen mehr als 920 Pädagogen nicht mehr den Schulen zur Verfügung. Noch im August 2006 lag diese Zahl bei 740. Die Berliner GEW-Vorsitzende Rosemarie Seggelcke führt diese Zunahme unter anderem auf den Wegfall der Altersteilzeit zurück, die bisher für erkrankte Lehrer ein Ausweg war.

Problematisch für den Landeshaushalt ist, dass Beamte generell ihr volles Gehalt bekommen, solange sie krank geschrieben sind. Angestellte verlieren diesen Anspruch normalerweise schon nach sechs Wochen und erhalten dann nur noch reduzierte Bezüge von der Krankenkasse. Nach etwa einem Jahr sind sie auf Hilfen vom Jobcenter angewiesen. Beamte hingegen bekommen unter Umständen sogar jahrelang ihr volles Gehalt, ohne dass sich bisher viel darum gekümmert wurde zu klären, ob sie nicht inzwischen wieder arbeitsfähig sein könnten.

Das soll jetzt anders werden. Schon unter Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gab es Bemühungen, auf eine raschere Klärung von Dauererkrankungen zu drängen, indem „Präventionsgespräche“ angeboten wurden. Auch von dem früheren Einschalten des Amtsarztes wird seit langem gesprochen. Diese Linie eines früheren „Nachhakens“ will Bögers Nachfolger Jürgen Zöllner (SPD) jetzt festzurren. Ein entsprechendes „förmliches Verfahren“ mit dem Hauptpersonalrat sei deshalb in Gang gesetzt worden, sagte gestern Zöllners Sprecher Kenneth Frisse.

Anstatt den Druck auf die erkankten Lehrer zu erhöhen oder sie in die Frühpensionierung zu drängen, wünschen sich GEW und Hauptpersonalrat, dass den Lehrern alternative Beschäftigungen angeboten werden.Viele Kollegen seien zwar nicht mehr imstande, vor der Klasse zu stehen, würden aber gern eine andere Aufgabe wahrnehmen, geben Seggelcke und Poetzsch zu bedenken. Sie können sich vorstellen, dass die Lehrer an der Entwicklung zentraler Prüfungsaufgaben beteiligt werden oder Verwaltungsarbeit übernehmen. Auch von der Migrantenförderung ist die Rede.

Hier sieht Zöllner allerdings Probleme: Eine außerunterrichtliche Tätigkeit scheitere „aus dienstrechtlichen bzw. stellenwirtschaftlichen Gründen“, beschied Zöllner jetzt auf eine kleine Anfrage des grünen Abgeordneten Özcan Mutlu. Für die Weiterbeschäftigung von Lehrkräften in einer anderweitigen Tätigkeit gebe es nun mal „keine Planstellen“. Somit müssten sie auf ihrer alten Planstelle beschäftigt werden und blockierten dort eine Neueinstellung.

Die GEW will sich damit nicht zufriedengeben. Seggelcke hält es sehr wohl für rechtlich möglich, Lehrer mit schlechter dotierten Aufgaben zu betrauen, ihnen aber dennoch ihr volles altes Gehalt weiter- zuzahlen. Es sei doch allemal besser, das Wissen dieser Lehrer zu nutzen, als sie in die Pensionierung abzuschieben.

Der Personalvertretung ist auch deshalb an einer Klärung dieser Frage gelegen, weil ein Großteil der Dauerkranken vermutlich sogenannte Burn-out-Patienten sind. Deren Leiden lässt sich nur in den seltensten Fällen innerhalb von drei Monaten kurieren. Andererseits fühlen sich die Betroffenen aber auch zu jung oder auch zu gesund, um schon in die Frühpensionierung zu gehen. Insbesondere ihnen käme es zugute, wenn Alternativen zu dem für sie so zermürbenden Unterrichten vor großen Klassenverbänden angeboten würden.

Auf die Frage Mutlus, „wie hoch die Zahl der dauerkranken Lehrer ist, die an dem Burn-out-Syndrom leiden, und welche Hilfe ihnen angeboten wird“, konnte Zöllner allerdings nur antworten, dass „Informationen über Symptome und Krankheitsbilder langzeiterkrankter Lehrkräfte nicht erhoben werden dürfen“.

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