Berlin : Druck von unten

Der Grundwasserspiegel in Berlin steigt stetig, weil der Wasserverbrauch sinkt. Viele Keller sind feucht

Rainer W. During

Bei immer mehr Berlinern steht das Wasser im Keller. Auf einer Fläche von rund 65 Quadratkilometern stieg der Grundwasserpegel allein von 1989 bis 2002 um mehr als einen Meter. Wer jetzt nasse Füße bekommt, hat Pech. „Jeder Bauherr ist verpflichtet, sein Haus so zu bauen, dass es gegen Feuchtigkeit geschützt ist“, so Alexander Limberg von der Stadtentwicklungsverwaltung. Maßstab sei der denkbare Höchststand, ein Anspruch auf Grundwasserabsenkung bestehe nicht.

„Vielerorts ist der Stand von 1890 erreicht“, sagt Dietrich Jahn, Referatsleiter für Wasserwirtschaft. „Es fehlt manchmal nur ein halber Meter, um die alten Sumpflandschaften wieder entstehen zu lassen.“ „Es stellen sich wieder natürliche Zustände ein“, bestätigt Stephan Natz von den Wasserbetrieben. Auslöser sind nicht nur der Rückgang an Industrieverbrauchern und Alternativen zur Grundwasserabsenkung bei Großbaustellen. Durch modernere Haustechnik und die Einführung kostendeckender Preise im Ostteil ging der Trinkwasserverbrauch drastisch zurück. 1989 wurden in der gesamten Stadt 378 Millionen Kubikmeter gefördert, 2005 waren es noch 206 Millionen.

Die Grundwassersteuerungs-Verordnung, deren Kriterien gerade neu berechnet werden, soll den Pegel auf einem „siedlungsverträglichen“ Stand halten. Zur Absenkung des Grundwasserpegels tragen noch neun der ursprünglich 16 Wasserwerke am Netz bei. Zwei weitere arbeiten nur noch, um den Pegel zu halten. Zur Bedarfsdeckung würden die beiden größten Anlagen in Friedrichshagen und Tegel reichen. Im Wasserwerk Jungfernheide werden jährlich knapp acht Millionen Kubikmeter gefördert und in die Spree gepumpt. Der Senat hat die Teilfinanzierung von rund 360 000 Euro zum Jahresbeginn eingestellt. Seit dem 1. Januar trägt die Siemens AG den Betrieb allein. Die Keller ihrer rund 100 Jahre alten Werksbauten sind besonders gefährdet. Die Schuldfrage ist strittig, der Senat verweist auf mangelhafte Abdichtungen.

Die Einstellung der Förderung sei „keine technische Notwendigkeit“, sagt Baustadtrat Carsten Röding (CDU). Er wirft dem Senat vor, im Hinblick auf die Sicherung des Industriestandortes „grob fahrlässig“ zu handeln. Die öffentliche Hand könne nicht die Kosten dafür übernehmen, wenn ein Weltkonzern seine Pflichten als Bauherr vernachlässigt, hält Dietrich Jahn dagegen. Von rund 5000 weiteren, im Bereich Siemensstadt/Charlottenburg-Nord gemeldeten Schäden seien nur fünf auf den Grundwasseranstieg zurückzuführen. Auch hier handele es sich um Baumängel. „Die Sorge, dass Siemensstadt absäuft, ist unbegründet.“

Rund um den Boxhagener Platz (Friedrichshain-Kreuzberg) wurden mehr als 100 feuchte Keller registriert. Ein Gutachten empfiehlt eine Grundwasserabsenkung. Die Anlage würde rund 4,6 Millionen Euro kosten. Die von Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) für das Sanierungsgebiet geforderte Unterstützung lehnt der Senat ab. Für das dritte Problemgebiet Johannisthal (Treptow-Köpenick) zahlt der Senat noch bis 2009 rund 645 000 Euro im Jahr. Bis zu elf Millionen Kubikmeter Wasser werden dafür in den Teltowkanal gepumpt. Nach Ende der Subventionen soll das Grundwasser wieder zu Trinkwasser verarbeitet werden. Dafür könnten Brunnengalerien in Friedrichshagen und Tegel abgestellt werden, so Wolfgang Bergfelder, Leiter der Senatsabteilung Integrativer Umweltschutz.

An anderer Stelle werden noch immer 20 Millionen Liter jährlich zur Grundwasseranreicherung in den Boden gepumpt. Was auf den ersten Blick wie ein Schildbürgerstreich wirkt, hat einen ernsten Hintergrund: Grundwasserströme werden stabilisiert, die das Eindringen von Schadstoffen in die Brunnen der Wasserwerke Tegel und Tiefwerder verhindern.

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