Berlin : Drunter und drüber

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

halb legale Häutungen im Stadtbild

Die Frage, was man in Schottland tunlichst unterm Rock trägt, hat die Menschheit seit Generationen bewegt. Für den einsamen Wandersmann, den schottische – freilich behoste – Polizisten unlängst auf ihrem Territorium arretierten, war die Frage eindeutig zu beantworten: Nichts. Ja, sogar auf den – aus Respekt vor landestypischer Mode doch denkbaren – karierten Rock hat er verzichtet und auf jedes andere vergleichbare Kleidungsstück auch. Der Vorfall ist Berlin nur scheinbar so fern wie das Ungeheuer von Loch Ness. Die unter dem Eindruck anhaltender Hitzewallungen in hiesigen Politikerkreisen geführte Diskussion um die Zulässigkeit völliger Textilfreiheit belehrt uns eines anderen. Darf man im Park und am See die Hose runterlassen wie jener Brite? Und wie weit wäre er hier wohl gekommen? Bis zum Bullenwinkel am Grunewaldsee, in grauen Urzeiten als offizielle FKKBadestelle deklariert und als solche amtlich noch immer im Gebrauch? Bis in den Tiergarten, wo nicht nur zur Love Parade blanke Pobacken wackeln, Busen wippen oder was auch immer? „Pack die Badehose ein“, trällerte man hier noch vor Urzeiten, heute wird solch gesungener Rat immer öfter ignoriert, dem Paragraphen 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes zum blanken Trotz. Demnach wird das Nacktbaden nur verfolgt, wenn es als Belästigung der Allgemeinheit empfunden wird. Was die Lage aber nur erschwert. Denn wenn immer mehr immer weniger auf der Haut tragen, werden sie allmählich zur Mehrheit, zur Allgemeinheit gar. Womöglich empfinden nun sie die Badehosen und Bikinis der verbleibenden kleinen radikalen Minderheit als Zumutung, was das Einschreiten der Behörden nahe legte. Die Berliner Musikgeschichte freilich müsste dann umgeschrieben werden.

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