Berlin : Dschu, Dschu, Dschungelbuch

Das Musical zum Buch: Nach „Jim Knopf“ und „Patterson und Findus“ haben Christian Berg und Konstantin Wecker nun Mogli, Balu & Co. für ihre Familiensingspiele entdeckt – Disney zum Trotz

Andreas Conrad

So ein Flusspferd ist doch von recht phlegmatischer Natur. Hat es sich erstmal für Siesta entschieden, liegt es in der Ecke und pennt, komme was da wolle. Nebenan wird gehüpft und gesprungen? Na und. Es werden Lieder gesungen, dazu wird geklatscht? Na und. Ein Mann mit einem drolligen Helm auf dem Kopf gestikuliert und redet unentwegt? Na und. Siesta ist Siesta, und wenn im Dschungelbuch was anderes steht – na und.

Alle Jahre wieder, meistens zu Weihnachten, kommen Mogli, Balu, King Louie und wie sie alle heißen zu Besuch in die deutschen Kinos. Fünf Mal waren sie schon da, zuerst 1968, zuletzt vor knapp zwei Jahren. Längst ist der Disney-Trickfilm, an dem der Meister noch selbst mitgewirkt hatte, zum Klassiker aufgestiegen, ein Kult, an dem das Disney-Marketing durch wohldosierte Veröffentlichungen auf Schallplatte, Video, CD oder eben Neuauflagen im Kino mitgemischt hat. Und nun also auch als Musical – aber ohne Disney!

„Jeder tanzt heute mit, ein Schritt vor, zwei zurück, und dann geht’s immerzu Dschu, Dschu, Dschu, Dschu“ – wir sind schließlich im Dschungel. Und wenngleich die 2. Klasse der Tempelhofer Karl-Sonnenschein-Schule, die sich gestern Vormittag unversehens im Flusspferdhaus des Zoos in der Präsentation des „Dschungelbuchs“ wiederfand, noch nicht ins Tanzen geriet, haben die kleinen Besucher doch fleißig im Takt mitgeklatscht. Christian Berg, der Mann mit dem Helm und zugleich der Kopf des Unternehmens, kann also ganz optimistisch der Premiere nächste Woche im Tempodrom entgegenblicken.

Ein Wagnis bleibt seine „Dschungelbuch“-Version dennoch, das weiß er, gibt es auch gerne zu, als er später im Zoo-Restaurant für Fragen bereit steht. „Top oder Flop“ - da waren er und sein Komponist Konstantin Wecker sich einig, den er auch sogleich in den höchsten Tönen preist. Ein „musikalisches Meisterwerk“ habe er abgeliefert, eine wunderbare Mischung aus Walzer, HipHop, Rap, Hardrock und vielem mehr. Das größte Lob habe er von einem Kind anlässlich einer ersten Vorführung bei einem Festival im Sommer erhalten: Nicht ein einziges Mal habe es bei dem Musical an Disney gedacht.

Beim Schreiben hat sich Christian nicht an an den berühmten Vorgänger, sondern an der Vorlage Rudyard Kiplings gehalten. Disney hatte sie seinerzeit dem Drehbuchschreiber mit der Bemerkung in die Hand gedrückt: „Als erstes will ich von Ihnen, dass Sie es nicht lesen.“ Auch Berg hält sich nicht sklavisch an den englischen Autor, übernimmt zwar Figuren, die im Film fehlen, hat aber aus Kiplings Buch die „grausamen Passagen“ gestrichen. Shere Kahn, der böse Tiger, bekommt in der Welt des Musicals zwar seine gerechte Strafe, darf aber überleben. Christian Berg hält das für kindgerechter und pädagogisch wertvoll.

Konstantin Wecker, der schon für die Berg-Projekte „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, „Jim Knopf und die wilde 13“ und „Patterson und Findus“ komponiert hatte, erhielt dessen Texte immer per Fax, spielte oft schon nach einer halben Stunde per Telefon erste Ideen am Klavier vor und dann nach einem halben Jahr das komplette Musical. Obwohl, als Musical will Berg seine Stücke eigentlich nicht bezeichnen. „Kindermitmachmusiktheater“ würde besser passen, sei aber allzu sperrig. „Musical verkauft sich besser.“ Die ganze Familie will er erreichen, schafft das offenbar auch recht gut, fühlt sich vom Auf und Ab des Musicalmarktes, der in den letzten Jahre erhebliche Einbrüche zu beklagen hatte, nicht betroffen.

Aber die wichtigste Zielgruppe bleiben doch die Kinder. Von denen kommt ohnehin nicht die obligatorische Frage, die er an diesem Tag schon fünf Mal gehört hat: Warum denn Mogli, der Junge aus dem Dschungel, von einem Mädchen gespielt werde. „Das sehen nur Erwachsene so, für Kinder ist sie Mogli“, erwidert Berg, preist nun seine junge Darstellerin Henriette Grawwert, ihre Energie, die enorme Spannweite ihrer Stimme. Und da er schon mal bei den Erwachsenen ist: Die kriegen im „Dschungelbuch“ richtig Kloppe, zur Gaudi der kleinen Gäste, Berg gibt sich noch geheimnisvoll. Irgendwas mit Handys, an sich ja nicht üblich zwischen Gummibäumen und Lianen. Aber solche Ungenauigkeiten machen nun mal die Würze des Spiels aus, was auch für die Dschungelmüllabfuhr gilt, zu erreichen unter www.die-geier.com . Also, liebe Eltern, für alle Fälle: Handys aus!

Das Dschungelbuch, Tempodrom, 1. und 2. November, 14.30 Uhr und 17.30 Uhr; 3. November, 14.30 Uhr. Karten unter 6110 1313. Vom 10. bis 13. Januar gastiert das Musical erneut im Tempodrom,

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