Berlin : „Du bist ein Bruder“

Benefiz für den Beatclub: Fatih Akins blinder Fan

Guido Schirmeyer

Vor 13 Jahren erblindete Adem Copur an grünem Star. Der 37-Jährige stammt aus Konya, südlich von Ankara, der Stadt der tanzenden Derwische, und kam mit seinen Eltern 1980 nach Berlin. Wurde Klavierstimmer, führte fünf Jahre lang ein Pianogeschäft in Kreuzberg. In diesem Jahr erfüllte sich Copur seinen Traum von einem eigenen Club. In der Mittenwalder Straße Ecke Gneisenaustraße eröffnete er vor drei Monaten den „Beatclub“, ein Kellerlokal, in dem vorher ein Kubaner wirtschaftete. Eigenhändig gestaltete Adem Copur den Club, ertastete Millimeter für Millimeter die Räume, designte, leuchtete aus. Mit den zwei Prozent Sehkraft, die ihm nach 20 Augenoperationen noch geblieben sind, vermag er gerade noch hell und dunkel zu unterscheiden. Auch Blitzlicht entgeht ihm nicht, wie er am Freitagabend bei Fatih Akins Filmpremiere verschmitzt verriet, aber die Bilder von „Crossing The Bridge“ konnte er nur erahnen. Istanbul! Die Musikhelden seiner Heimat in Dolby-Surround. „Hip-Hop ist, was die Türkei heute braucht.“

Fatih Akin war von der Begegnung mit dem blinden Landsmann so berührt, dass er seine Premierenfeier im Hof des Kant-Kinos verließ und sich mit Adem auf die Kantstraße setzte, um zu erfahren, wie er sein Werk wahrgenommen habe. „Neulich spielte ich mit ein paar Jungs aus meiner Straße Fußball mit einer Blechbüchse“, erzählte Copur. Bei zehn Stößen traf er sieben Mal, weil er den Klang der Dose so gut hört.

Der Film-Sound von Istanbul bewegte ihn tief . „So schnell wie möglich will ich wieder in meine Metropole.“ Seit er blind ist, war er nicht mehr dort. Er möchte nicht von seiner Verwandtschaft bemuttert werden. Nach Anfangserfolgen läuft sein „Beatclub“ nur schwer, trotz langer Live-Jam-Sessions und liebevoll gestalteter DJ-Programme von Balkan-Oriental-Beats bis Goa-Trance. „Ganz Kreuzberg schreit nach einem Tanzschuppen, und jetzt vergessen sie mich.“ Adem Copur versteht seinen Kiez nicht mehr. Früher feierte er dort in besetzten Häusern.

„Du bist ein Bruder", sagte Fatih Akin. Kurzentschlossen versprach er dem Clubbesitzer Unterstützung. Und stellte ihm seine schwangere Frau Monique vor: „Fass mal an!“ Adem streichelte den Bauch der Frau und tippte: „Achter Monat, ein Junge!“ Nach seiner Kino-Tournee will Akin in der Mittenwalder Straße 43 als DJ auflegen: Benefiz für den „Beatclub“. „Weißt du eigentlich, wie du aussiehst? Wann hast du dich zuletzt im Spiegel gesehen?“, erkundigte sich der Regisseur. „Na, vor 13 Jahren.“ – „Du siehst verdammt gut aus, Mann!“, lobte Akin, „Respekt.“ Adem weiß das – und die Frauen wissen es auch. Wer weiß, vielleicht spielt ja im nächsten Akin-Film ein Blinder mit.

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