Berlin : Dunkle Zeiten in Dahlem

Der britische Stargeiger Daniel Hope sucht in Berlin Spuren seiner vertriebenen jüdischen Vorfahren Deren Geschichte will er in einem Buch erzählen. Morgen bekommt er den „Echo Klassik“

Sandra Stalinski

Die Villa liegt etwas zurückgesetzt von der Straße auf einem Waldgrundstück. „Ein ziemlich seltsames Gefühl, hierherzukommen“, sagt Daniel Hope. Aber er tut es jedes Mal, wenn er in Berlin ist.

Daniel Hope, 32, mehrfach ausgezeichneter britischer Stargeiger, hat eine besondere Beziehung zu dem Haus in Dahlem. Hier, nicht weit von der Podbielskiallee, lebten seine Urgroßeltern, bis sie 1935 von den Nazis vertrieben wurden. Sie waren Juden. „Ich kannte sie nur von den Bildern auf meinem Schreibtisch“, sagt er. Aber er wollte mehr wissen.

Seit einem Jahr forscht der Musiker nach seinen Berliner Wurzeln. 2007 will er seine Familiengeschichte im Rowohlt-Verlag veröffentlichen. Er recherchiert vor Ort in Berlin, aber auch in Dokumenten aus dem Dritten Reich, die er in Archiven in ganz Deutschland findet. Gerade ist er wieder unterwegs, schließlich musste er dieses Wochenende sowieso nach Deutschland kommen: Morgen Abend bekommt er den Musikpreis „Echo-Klassik“ als „bester Geiger des Jahres“ verliehen (das ZDF überträgt die Show ab 21.55 Uhr).

Inzwischen hat Hope viele Details der Familiengeschichte erfasst. „Meine Vorfahren traf eins der typischen Schicksale dieser Zeit.“ Als der Druck auf sie zu groß wurde, stimmten sie einem Zwangsverkauf der Villa zu und wanderten nach Südafrika aus. Der Urgroßvater verkraftete das nicht, starb noch auf dem Weg dorthin. Zunächst wurde das Haus von der privaten jüdischen Kaliski-Schule weitergenutzt, 39 Schüler der Einrichtung kamen später bei der Shoa ums Leben. Ab 1939 benutzte das Reichsaußenministerium die Räume. Hier wurden kriegsrelevante Entscheidungen getroffen, sagt der Musiker. Heute ist das deutsche Außenministerium Eigentümer des Hauses, das Deutsche Archäologische Institut betreibt hier ein Gästehaus. „Es ist gleichzeitig schön und traurig, in dem Haus zu sein“, sagt Hope. Bei einem seiner letzten Besuche hat er hier alte Möbelstücke seiner Vorfahren und ein Familienwappen entdeckt. Er sagt, es sei ihm sehr wichtig, dass er das Buch selbst schreibt. „Es muss meinen Ton haben.“ Daniel Hope wurde wie seine Mutter in Südafrika geboren. Seine Eltern mussten das Land 1974, kurz nach seiner Geburt, verlassen, weil der Vater als Schriftsteller offen gegen das Apartheids-Regime gekämpft hatte. In Großbritannien, wohin die Familie auswanderte, fand seine Mutter eine Anstellung als Sekretärin im Haus der Violinen-Legende Yehudi Menuhin. Dort wuchs Daniel Hope auf – und griff mit vier Jahren das erste Mal zur Geige. „Als die Musiklehrerin sagte, ich sei zu jung und zu klein und solle in einem Jahr wiederkommen, bekam ich einen Wutanfall.“ Dann habe sie ihm doch eine Geige in die Hand gegeben. „Ich spielte drauflos, alle haben sich die Ohren zugehalten, aber ich war glücklich.“

Die Suche nach der Vergangenheit seiner Urgroßeltern inspiriere ihn auch für seine Musik. „Man muss nach hinten schauen, um nach vorne zu denken.“ Generell spiele Geschichte bei seiner Arbeit als Musiker eine wichtige Rolle. „Ich würde zum Beispiel niemals Stücke aus dem 18. Jahrhundert spielen, ohne vorher genau recherchiert zu haben, wie damals musiziert wurde.“

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